NOIES MUSIK
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Zeitung für neue und experimentelle Musik

reise nach düsseldorf: version mit kühen und schafen

Aus Noies 01/26 August 2026

Düsseldorf liegt am Rhein und an der Mündung von Musik und Kunst. Zwischen schwergewichtigen Kunstinstitutionen und künstler:innenbetriebenen Freiräumen entstehen hier seit der Nachkriegszeit besonders bewegliche Musikpraktiken, die vom Autodidaktischen, vom Installativen, Visuellen und Bewegten genährt werden. Stefan Schneider kennt die Stadt schon seit über 60 Jahren. Aus einem Gespräch mit NOIES-Redakteurin Verena Hahn entstand ein unvollständiges Porträt des Musikers und Labelbetreibers und der Stadt.
Aus Noies 01/26

KUNSTAKADEMIE DÜSSELDORF

Ich habe in Düsseldorf an der Kunstakademie Fotografie studiert, von 1988 bis 1993 und habe dann nach dem Abschluss als Meisterschüler bei Professor Bernd Becher direkt begonnen, Musik zu machen. In der Kunstakademie gab es nie einen Lehrstuhl für Musik. Aber es gab dort immer ein Umfeld von Leuten, die sich mit Sound und mit Musik beschäftigt haben. Da hatte ich zum Abschluss des Studiums noch Detlef Weinrich kennengelernt, der war in der Bildhauerklasse bei Magdalena Jetelová. Wir haben dann 1994 mit Thomas Klein und Andreas Reihse die Gruppe Kreidler gegründet. Eine Band zu gründen war nach dem Kunststudium eine Befreiung. Gegen Ende meines Studiums, ab den frühen ‘90ern hat man unter den Studenten gemerkt, dass das Programm, welches die Kunstakademie zu bieten hat, nicht mehr aktuell ist. Da gab es viel Einfluss von den Cultural Studies aus den USA, Postcolonial Studies. Das passte einfach nicht mehr zusammen mit einem System, was von mehr oder weniger starken Künstlerpersönlichkeiten in Professorenpositionen organisiert war. Das kollektive Arbeiten in einer Band war dann viel spannender, als weitgehend alleine als Fotograf zu arbeiten.


Kreidler. Fotosession für das Album »Weekend« im ehemaligen VHS Gebäude, Mai 1996. Foto: Franklin Berger


PUNK

Als ich als 10-Jähriger zum ersten Mal T-Rex im Radio gehört habe, das hat mich total umgehauen. Da habe ich gemerkt, Musik hat nicht nur mit Musik zu tun. Da sind noch ganz andere Kräfte am Werk: Mode, Aussehen, Styling, Sexualität. Da war irgendeine Kraft, von der ich sehr angezogen war, ohne sie genauer benennen zu können. Viel später, zum Ende vom Gymnasium, haben wir mit vier Jungs eine Punkband gegründet. Da hatte ich zum ersten Mal ein Instrument in der Hand. Ich kam als Letzter in den Proberaum und dann war die Gitarre noch übrig und dann war ich halt der Gitarrist.

Punk war etwas, da musste man erstmal herausfinden, wo ich mich positionieren möchte. Ganz früh, ich glaube, 1977, gab es ein Interview mit irgendeiner englischen Punkband, und die haben gesagt, dass Punk nur in der Stadt stattfindet. Wenn sie auf’s Land gehen und Tiere auf der Wiese sehen, kriegen sie schon schlechte Laune. Da habe ich gedacht, da kann ich nicht dabei sein, weil ich total gerne im Wald bin und ich mag auch Tiere auf der Weide und Kühe und Schafe. Und zu meinem Punk gehören auch Kühe und Schafe dazu. Da kann ich schon mal nicht hundertprozentig unterschreiben. 

Man muss sich also eine eigene Version davon zusammenbauen. Ich war zwar Punk, aber ich war auch Messdiener. Es gab Leute, die Punk in einer extremen Lebensweise gelebt haben. Das war bei mir nie der Fall. Für mich war klar, dass alles künstlerische Tun mitten im alltäglichen Leben stattfinden muss. Das hatte für mich auch nichts mit “No Future” zu tun. Mit Punk ging das Leben eigentlich erst richtig los, und zwar in einer Form, die ich dann später an der Kunstakademie nochmal begriffen habe: Du bist für dich selbst verantwortlich. Es gibt niemanden, der dir erklärt, dass du arbeiten oder morgens um sieben aufstehen musst. Du musst das alles für dich selbst entscheiden. Das war etwas, wo ich bei Punk vielleicht eine erste Ahnung davon bekam.


RADIO

Extrem wichtig war, dass Düsseldorf früher eines der Headquarter of British Rhine Army gewesen ist und man so Zugang zu allen englischen Radiosendungen hatte. Man ist also mit der Sprache aufgewachsen. Du hast ständig Englisch auf den Straßen gehört, durch die englischen Soldaten, die mit ihren Familien hier waren. Und dann hast du natürlich Zugang zu BFBS gehabt und da war dann John Peel total wichtig. Wenn seine Sendung zum Beispiel mittwochs abends um acht im Radio kam, dann war klar, dass man da keine Termine gemacht hat, sondern da hat man vor dem Radio gesessen.


LA DÜSSELDORF

Als Jugendlicher habe ich mir relativ wenig Platten gekauft und viel Radio gehört. Mit 13, 14 hörte ich dann zum ersten Mal La Düsseldorf. Der Bandname war wie ein Schock: Da gab es tatsächlich eine Band, die aus derselben Stadt kommt wie ich. Vorher dachte man, die meisten Musiker leben in England und Amerika, das ist weit weg. Aber plötzlich liefen da Leute im Radio, denen man vielleicht schon über den Weg gelaufen war. Plötzlich war es möglich, dass bei mir um die Ecke ein Studio oder ein Proberaum ist, wo diese Musik, die ich im Radio höre, entsteht. Das war eine ganz wichtige Erkenntnis. 

1977 habe ich dann zum ersten Mal David Bowie gehört, das Stück “Sound and Vision”. Das konnte ich überhaupt nicht aushalten, das zu hören, weil ich dachte, das ist wirklich die Zukunft. Das kommt von irgendwo her und ist gar nicht auf der Erde beheimatet, sondern das ist Musik von Außerirdischen. Das hat mich wirklich völlig begeistert.


KRAFTFELDER

Ein Treffpunkt war der Plattenladen “Pure Freude” von Carmen Knoebel. Da haben sich so ab ‘81, ‘82 immer viele Kunststudent:innen getroffen. Nachts traf man sich im Ratinger Hof in der Altstadt. Dann gab es das Label Ata Tak. Einige Leute von der Kunstakademie haben da Plattenproduktionen gemacht. Es gab so etwas wie ein Kraftfeld zwischen der Kunstakademie, Kunsthalle, Ratinger Hof und diversen Galerien und Studios. In den ‘90ern gab es dann den Künstlerverein WP8 und auch die EGO Bar, die für ein paar Jahre ein wichtiger Ort für experimentelle Musik und Ausstellungen gewesen ist. Solche Orte hat es immer wieder gegeben. Das waren immer Einzelinitiative von Leuten oder kleinen Gruppen.

Katharina Grosse, Billy Roisz, Tintin Patrone, Carina Khorkhordina, Stefan Schneider in der Galerie Max Hetzler, April 2023


KUNSTHALLE

Die Kunsthalle, das ist da, wo das Neue gezeigt wird. In ihrer jetzigen baulichen Form, in der sie bald renoviert wird, hat sie 1967 eröffnet. Das war immer ein Ort, wo auch Musik stattgefunden hat. Das erste Kraftwerk-Konzert war in der Kunsthalle. Dann gab es in den frühen ‘70er Jahren Konzerte von Steve Reich und Nam June Paik. In der Zeit vor dem Internet war das ein wichtiger Ort, um sich zu informieren, um internationale Musik und Künstler:innen zu sehen. Als Ulrike Groß dort Direktorin war, von 2002 bis 2009, gab es ein sehr musikbezogenes Programm, mit Ausstellungen über Sonic Youth oder Mouse on Mars, es gab das Festival “düsseldorf sounds”. Da wurden viele Dinge sichtbar gemacht, die in Düsseldorf über Jahrzehnte an der Schnittstelle von bildender Kunst und Musik passiert sind. Jetzt, unter der neuen Leitung von Alicia Holthausen, bemerkt man wieder eine erfreuliche Hinwendung zu ganz neuen und jungen Positionen.


SALON DES AMATEURS

Der Salon des Amateurs war seit seiner Gründung 2003 einer der wichtigsten Orte in Düsseldorf für elektronische und experimentelle Musik. Wie alle guten Läden war er nicht als Nachtclub geplant. Er ist eher zufällig einer geworden. Ursprünglich war der Salon ja als Cafe der Kunsthalle gebaut worden. Dadurch, wie Detlef Weinrich, also Toulouse Low Trax, das Programm gemacht hat, durch seine musikalische Kompromisslosigkeit,ist der Salon auch so außergewöhnlich geworden. Es konnte Musik ausprobiert werden, ohne den Gedanken ein Publikum unterhalten zu müssen.

Aron Mehzion, der eigentliche Leiter vom Salon, ist ja auch ein Kunststudent. Detlef hat sich um das Musikprogramm gekümmert. Das war natürlich wichtig, dass der Impuls von Leuten kam, die keine professionellen Gastronomen waren, sondern die ganz andere Ideen hatten oder auch nicht. Mit der Renovierung der Kunsthalle ab 2026 bekommen nun alle Institutionen, die dort beheimatet sind, wie das Kom(m)ödchen, die Buchhandlung König, der Kunstverein und der Salon des Amateurs, Ersatzspielstätten.


DURIAN BROTHERS

Ziemlich begeistert war ich von dem ersten Konzert von The Durian Brothers 2009 im Salon des Amateurs. Das ist ein Trio aus Düsseldorf, das es nicht mehr gibt, mit Stefan Schwander, Mark Matter und Florian Meyer. Da war ich völlig hin und weg, weil man dachte, das ist sowas von up to date und zeitgenössisch. Wie heißt es auf Englisch? “A concert that makes your whole record collection obsolete“ – wo man etwas hört und denkt, alles andere, was wir zu Hause stehen haben, ist dagegen altes Zeug. 


HOMBROICH : RAKETENFESTIVAL

Zum Raketenfestival in Neuss sind Miki Yui und ich aus Zufall gekommen. Wir wurden von Katharina Hinsberg angesprochen, eine Kunstprofessorin, die auf der Raketenstation lebt und arbeitet. Sie sagte, an der Raketenstation müsste es ein neues Festival für elektronische Musik geben und wir wären doch Musiker, und ob wir nicht jemanden kennen würden, der sowas organisieren könnte. Miki und ich haben uns kurz angeguckt und gesagt, ja, wissen wir. Das machen wir selber. 

Vor drei Jahren, im Mai 2022, haben wir das Raketenfestival dann zum ersten Mal gemacht, zweitägig. Die nächste Ausgabe wird dieses Jahr am 13. September stattfinden. Wir finden den Ort toll, weil er aus Natur und Architektur komponiert ist. Es gibt die sichtbare Geschichte des ehemaligen NATO Stützpunkts. Davon ist noch einiges erhalten, wo dann andere Gebäude von namhaften Architekten drumherum gebaut wurden: die Langen Foundation von Tadao Andō, das “Haus für Musiker” von Raimund Abraham und verschiedene andere Gebäude aus Backstein von Erwin Heerich. 

Wir wollten das Gelände nicht in eine Festivalvenue umbauen. Es gibt keine Bühnen. Wir nehmen das Gelände so, wie es ist und sehen das als Herausforderung, den Künstler:innen unterschiedliche Räume anzubieten für Arbeiten, die genau auf diese Räume zugeschnitten sind. Wir laden Musiker:innen ein, Sachen zu machen, die bei einem Einzelkonzert unter Umständen gar nicht funktionieren würden. David Toop zum Beispiel, der ein leises Set mit selbstgebauten Klangerzeugern gespielt hat, mit gefalteten oder gerollten Papieren und Zweigen, mit denen er auf dem Boden raschelt. Außerhalb eines Festival kann man sich kaum vorstellen, dass die Leute die Aufmerksamkeit mitbringen würden, da eine halbe Stunde konzentriert zuzuhören. 

Die Live-Performances haben einen Anfang und ein Ende, und dazwischen gibt es eine Pause. Ich gehe zum Beispiel total gerne aufs Meakusma Festival in Eupen. Das ist ein tolles Festival mit toller Musik. Aber es gibt viel zu viel Programm und alle leiden darunter. Da unterhältst du dich mit Leuten immer eine halbe Minute zwischen Tür und Angel, weil man immer auf dem Weg ist zur Bühne C oder zur Bühne 3, und man hat kaum noch Zeit, sich zu unterhalten. Und uns ist wichtig, ein möglichst unterschiedliches Publikum anzusprechen. Der Eintritt ist immer frei. Wir glauben, dass es zurzeit extrem wichtig ist, Orte zu schaffen, an denen sich unterschiedliche Menschen einfach so begegnen können.

Garth Erasmus & The Broken String Ensemble, live beim Hombroich:Raketenfestival im Juni 2024. v.l.n.r.:
Garth Erasmus, Carina Khorkhordina, Stefan Schneider, Peter Thiessen, Ruth May. Foto: Schiko


NEUE KRAFTFELDER

Wir hatten im Sommer eine Zusammenarbeit mit KOIR. Das ist der Chor von der Kunstakademie Düsseldorf, unter der Leitung von Ari Benjamin Meyers. Der lehrt dort seit anderthalb Jahren und ist der erste, der eine Klasse für Musik gibt. Die hatten Aiko Okamoto, eine japanische Vokalistin, und mich zu einem gemeinsamen Projekt eingeladen, das in der Kunsthalle realisiert wurde. Die Klasse von Ari und der Koir sind sicher ein neues Kraftfeld, in dem unvorhersehbare Dinge passieren können. Anfang November haben wir dort auch einen Workshop mit Garth Erasmus gemacht. Da ging es darum, Instrumente selber zu bauen, wie es Garth auch selber seit Jahren macht. Was sind die Unterschiede, wenn jemand wie er das in Südafrika macht oder wenn es Leute hier in Europa tun? Dann wurden über mehrere Stunden Instrumente gebaut aus Klaviersaiten, Holz, Metall, Keramikgefäßen usw. Mit den Instrumenten hat die Klasse auch ein Konzert gespielt.


TAL

Die Arbeit an dem Label TAL habe ich 2016 begonnen. Zuvor hatten wir mit to rococo rot aufgehört und wenn etwas weggeht, dann ist wieder Platz für etwas Neues. Ich hatte schon einige Jahre lang den Gedanken, ein eigenes Label zu starten. 2015 hatte ich Aufnahmen von der Sängerin Ogoya Nengo in Kenia gemacht, die ich dann 2016 als TAL01 raugebracht habe. Los ging’s. 

Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber noch keinen Plan, was die Katalognummer 2 werden könnte. Ich wusste nur, dass ich ein Label haben wollte, das stilistisch sehr weit gefasst ist. Vorbild war u.a. John Peel, der die unterschiedlichsten Musikstile in seinen Radiosendungen so kombinieren konnte, dass sich ein inhaltlich roter Faden von Post-Punk, zu Noise, Elektronik, Jazz und Country zog. So ungefähr ist es ja dann auch bei TAL geworden. Das sind jetzt schon zehn Jahre und ich glaube, mittlerweile ist das Programm in seiner Unterschiedlichkeit nachvollziehbar. Unglaublich, wie viel sich in den zehn Jahren schon verändert hat, wie Musik aufgenommen, vertrieben, gehört und verkauft wird. Ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe, das Label zu beginnen. 

Ogoya Nengo and the Dodo Women‘s Group, 2015 in Rang‘ala Village, Siaya County, West Kenya. Das Foto wurde während der Aufnahmen zum Album »On Mande« (TAL01) gemacht. Meist haben wir in einer leerstehenden Lehmhütte aufgenommen, die zum Tonstudio umfunktioniert hatten. Durch die LP wurde die Band mehrfach zu Tourneen durch Europa eingeladen. Foto: George Odhiambo


INTERNATIONAL

Letzte Woche war der kenianische Klangkünstler KMRU für ein paar Tage in Düsseldorf. Er wird nächstes Jahr, in Kooperation mit dem IMAI (Inter Media Art Institute, Düsseldorf) eine Arbeit für die Kunsthalle realisieren. Es war wunderbar, jemanden aus Nairobi hier begrüßen zu dürfen. Internationale Kontakte, sowas fehlt in Düsseldorf gerade von vorne bis hinten. Dadurch hat es manchmal auch eine provinzielle Note, wenn man zum hunderttausendsten Mal die Errungenschaft der Vergangenheit abfeiert, wie Kraftwerk oder Joseph Beuys. Es geht auch darum, wie eine Stadt sich erzählt – da müssten die neuen Impulse genauso wichtig sein wie die Vergangenheit.

Vor zehn Jahren gab es einen Hinterhof in Bahnhofsnähe, wo sich das ehemalige Kling-Klang Studio von Kraftwerk befand, das für gut ein Jahr für Konzerte oder Workshops zugänglich war. Phlipp Maiburg, der auch das Open-Source Festival in Düsseldorf oragnisiert hatte, hat diese Veranstaltungen dort möglich gemacht. Es gab Konzerte und Workshops. Maiburg hat mit dem Eigentümer gesprochen. Der wäre bereit gewesen, den ganzen Hinterhof an die Stadt zu verkaufen. Maiburgs Idee war, dass daraus ein Ort für Residencies entstehen könnte, mit Arbeits- und Wohnmöglichkeiten. Und das hat die Stadt dann abgelehnt. Das wäre so ein wichtiger Ort gewesen, wo Leute aus aller Welt hinkommen können, und dadurch nicht nur etwas von der Stadt nehmen, sondern auch etwas geben. Das fehlt in Düsseldorf seit Jahrzehnten.

Stefan Schneider. Foto: Schiko

Der Musiker und Produzent Stefan Schneider lebt in Düsseldorf und betreibt das Label TAL. Nach seinem Abschluss als Meisterschüler in Fotografie bei Bernd Becher gründete er unter anderem die Gruppen Kreidler und To Rococo Rot. Gemeinsam mit Miki Yui kuratiert Schneider das Raketenfestival auf der Raketenstation Hombroich in Neuss.