Interview: Roberto Beseler Maxwell

Roberto Beseler Maxwell
Warum hat so jemand wie ich, der in Essen wohnt und auf viele Konzerte geht, erst im Laufe dieses Jahres das Solips entdeckt?
Fabian Neubauer
Ich glaube, dass es dieses Jahr einfach mehr Programm gab. Wir haben uns überlegt, es jetzt regelmäßiger und ein Spielort daraus zu machen. Durchschnittlich haben wir seit Februar vielleicht zwei Mal im Monat veranstaltet.
Bastian Buddenbrock
Primär wurde es aber als Atelier oder Proberaum angemietet und bisher privat sowie autonom finanziert. Gestern haben wir aber eine Zusage für eine Förderung vom Kulturbüro Wuppertal bekommen. Aber bis jetzt haben wir es immer so aufgezogen, dass das, was an den Abenden reinkommt, auch direkt an die Künstler:innen wieder rausgeht.

RBM
Habt ihr eine kuratorische Leitlinie oder wie denkt ihr über das Wort Kuration bezüglich dieses Raumes nach?
BB
Wir müssen es wahrscheinlich noch mal klarer definieren, aber die Zusammenarbeit ist erstmal aus Lust zum Machen von beiden Seiten gekommen. Gleichzeitig geht es auch darum, eine Autonomie beizubehalten. Hier haben wir bis jetzt einen relativ großen Freiraum bewahren können. Wir müssen gucken, wie das mit Förderung und einer größeren Öffentlichkeit weiterhin bleibt.
FN
Wir gehen hier einen Prozess durch. Also eigentlich ist die Kuration ein kreativer Prozess. Der Raum ist extrem wandelbar. Es gibt beispielsweise keine feste Angabe, wo die Bühne sein soll. Wenn man ein paar Sachen anders hinstellt, ist der Raum komplett anders organisiert. So passieren immer wieder neue Programme.
RBM
Auf die Musik bezogen: Könnt ihr beschreiben, wer hier alles auftritt?
FN
Ich würde mal sagen, Leute aus der lokalen sowie internationalen Szene frei improvisierter Musik, experimenteller Musik, Noise und zeitgenössischer neuer Improvisationsmusik. Wobei wir uns nicht darauf festlegen wollen. Wir halten es bewusst offen.
BB
Für mich ist das Solips eher ein Raum für zeitbasierte Medien und interdisziplinären Austausch. Ich mag an Wuppertal, dass sich unterschiedliche Szenen hier mehr vermengen als zum Beispiel in Düsseldorf oder Köln, wo bestimmte Szenen sehr gefestigt sind. Man geht in Wuppertal zu sehr unterschiedlichen Veranstaltungen, aber trifft immer die gleichen Leute.
RBM
Was könnt oder wollt ihr der aktuellen Wuppertaler Szene geben?
BB
Eine gewisse Autonomie in dem, was ich in einem Raum machen kann. Diese Freude daran weiterzugeben. Deshalb mag ich auch den Happening-Begriff, dass man nicht nur ein Aktiv-Passiv-Verhältnis hat, sondern die Leute hoffentlich anders aktiviert. Der Name kommt von Solipsismus, also das auf sich selbst Bezogene. Es geht darum, sich im Rezipieren Freiheit zu geben. Sich selbst in ein Verhältnis zu setzen zu dem, was man da gerade sieht.
FN
Wir versuchen die Wuppertaler Szene mit anderen lokalen Szenen wie der aus Düsseldorf oder Köln sowie mit einer internationalen Szene zu verbinden. Es wird viel durchmischt, sowohl vom Genre her als auch von dem, woher diese Leute kommen. Es sind nicht immer nur feststehende Projekte, Bands oder Ensembles, sondern zu einem großen Teil neu zusammengewürfelte Projekte, die hier einmal bestehen und dann wieder vergehen. Es ist ein vergängliches Modell.
RBM
Also schwingen Freiheit und vielleicht auch ein gewisser DIY-Spirit mit?
FN
Auf jeden Fall. Wir versuchen es immer frisch zu halten, also nicht auf irgendwelche bestehenden Dinge oder Szenen aufzuspringen, sondern den Raum immer wieder neu zu denken. Teilweise sind lokale Leute, die selbst keine Musiker:innen sind, hier mittlerweile Stammgäste. Gleichzeitig kommen manche von sehr weit her. Der Rekord war aus Spanien, für ein Konzert von Sun Yizhou!

RBM
Habt ihr aus diesem Jahr ein Highlight?
FN
Kindergarten ist zum Beispiel ein sehr spannendes Format, das wir länger nicht gemacht haben, aber damit haben wir eigentlich gestartet.
BB
Das Format ist sehr fresh und formal komplett losgelöst. Das Solips ist dabei ein klassischer Black Cube, in dem alles präsentiert werden kann: Beispielsweise wird über eine Malerei, die an die Wand gehängt wird, gesprochen. Völlig egal was. Es sind geniale Sachen dabei entstanden. Ein Kollege, der aus der Psychologie kommt, hat eine astreine Performance gemacht von etwa zwanzig Minuten, wo er nur darüber geredet hat, wie toll es doch in der Sauna sei. Das war unheimlich toll!
FN
Es kann wirklich alles sein. Auch Leute, die sich sonst nicht als „Profi-Künstler:innen“ bezeichnen, können sich eine Bühne nehmen, um danach gemeinsam über das Gezeigte zu reflektieren, oder auch nicht. Das bewirkt natürlich auch das Auflösen dieser Zweiteilung Künstler:in und Publikum, das wir hier versuchen.
RBM
Zum Abschluss: Was wünscht ihr euch?
FN
Aktives Aufnehmen, also sich nicht passiv berieseln lassen, sondern aktive Teilnahme. Wenn ich in ein Konzert gehe, dann bin ich Teil der Sache. Dann lehne ich mich nicht zurück und lasse mich unterhalten, sondern das muss was in mir bewirken und ich muss das in mir selber nochmal neu erschaffen. Außerdem sich nicht abhängig machen lassen. Das Unabhängige ist was ganz Wichtiges. Das müssen wir hier auch bleiben und das ist gleichzeitig natürlich eine Art Message.
BB
Ich wünsche mir, Räume zu schaffen, wo vieles auf der Bühne erstmal ausgelebt werden kann. Wir haben schon sehr harte Events hier gehabt, zum Beispiel das Konzert mit Ryosuke Kiyasu. Der hätte auch irgendwem den Tisch aus Versehen ins Gesicht hauen können. Ich mag Momente, wo man über eine Gefahr wachgerüttelt wird. Wo Momente passieren, bei denen man nicht auf einer Skala, die man kennt, von gut bis okay bewerten kann, sondern wo man vielleicht selbst überrascht ist und vielleicht vor den Kopf gestoßen wird. Offenheit eben.
Fabian Neubauer ist Musiker, Multiinstrumentalist und Improvisator, aktiv zwischen experimenteller Musik, Free Jazz, Noise, sowie Performancekunst und interdisziplinären Praktiken. Bastian Buddenbrock arbeitet als bildender Künstler, Performer, Schauspieler und Musiker an der Schnittstelle von Installation, Performance, Film und Musik.