Musik, das sagt Brigitta Muntendorf an einer Stelle in unserem Videocall, war für sie immer der Ort, an den sie sich zurückziehen konnte: Ans Klavier setzte sie sich als Kind, als Jugendliche, um dem Trubel der Großfamilie zu entfliehen. In den Menuetten und Fantasien von Mozart und Brahms, in Partituren und Polyphonie tauchte sie wie in einer parallelen Wirklichkeit ab. Mit neun Geschwistern teilte sie ihr Leben, bis auf eines allesamt älter als sie – ergo: kein eigenes Zimmer bis ins Jugendalter, ständig umgeben von Stimmen, Körpern, Bedürfnissen, eine »turbulente Realität«. »Meine Mutter hat irgendwann dieses Klavier angeschafft«, erzählt sie – schwarzer Hoodie, lange Haare, Overhead-Kopfhörer, hinter ihr ein professionelles Aufnahmestudio –, »und ich habe einfach angefangen zu spielen. Es war für mich immer ein ganz besonderer Ort und dazu einer, den ich nicht teilen musste.«
Brigitta Muntendorfs Karriere als Komponistin wirkt vor diesem chaotisch anmutenden Hintergrund unglaublich stringent: Klavierunterricht, Kompositionsstudium in Bremen und Köln bei Younghi Pagh-Paan und Günter Steinke, bei Koryphäen wie Krzysztof Meyer, Rebecca Saunders und Johannes Schöllhorn. 2006: erster Preis beim Kompositionswettbwerb der Sinfonietta92. 2007: Uraufführung der »Klangviren für Orchester« in der Berliner Philharmonie. 2009: Gründerin und künstlerische Leiterin des Ensemble Garage. 2010: Konzertexamen. Dann: Komponist:innen-Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, Stipendien, Engagements, Auftragskompositionen, Kurationsarbeiten – und immer klarer die eigene künstlerische Handschrift: spartenübergreifend, multimedial, feministisch, mehr Theater als Konzert, mehr reales Leben als Abstraktion, mehr Suche und Risiko als Repetition. Markus Böggemann schreibt in einem Beitrag für die Siemens-Musikstiftung von Brigitta Muntendorfs unverwechselbarem »Interesse am Vermischten, Unreinen, an den Hybriden der Kultur«: »Komponieren als praktizierte künstlerische Forschung, das Experimentieren mit offenem Ausgang und das mutige Erkunden noch nicht kartierter Handlungs- und Ausdrucksfelder« seien Grundzüge ihrer Poetik.
April 2025. Der Saal 2 im Humboldt-Forum ist so dicht vernebelt, dass die kreuz und quer aufgestellten Sitzkästen für die Besucher:innen erst nach ein paar Schritten zu sehen sind. Kupferfarbenes Licht füllt den Raum, dazu der Klang aus fast 50 Lautsprechern an den Wänden, eine Stimme aus dem Off, schwenkende Scheinwerfer, Strobo, gleißende Farben – aber keine einzige Protagonistin im Raum. »Orbit – A War Series« versteht sich als Space-Oratorium, eine Art »Oper der Zukunft«: ein rein akustisches Hör-Theater, das »vor allem im Kopf stattfindet«.
Dieser Ansatz zapft die kollektive menschliche Fantasie an, als eine Art unendlich generative Ressource, und das ist genauso empathisch wie klug zugleich: In »Orbit« geht es nämlich um Gewalt. Um den weiblichen Körper als Kriegsschauplatz. Um Vergewaltigung als Waffe. Brigitta Muntendorf lässt in sieben Kapiteln neben echten Menschen vor allem KI-Stimmklone sprechen. Das geschieht nicht aus reinem Innovationseifer, sondern mit einer durchdachten künstlerischen Idee: »Gewalt führt zu einer Objektifizierung des Menschen«, sagt sie im Gespräch. »Ein Mensch, der Gewalt erfährt, wird zu einem Objekt. Wird sie bis zum Äußersten ausgeübt, dann wird der Mensch zu einem Leichnam. Die Voice Clones als menschlich-maschinelle Hybride werden zur Personifizierung dieses Monströsen, wenn sie abgelöst vom Körper das Publikum, umkreisen.«
Eines der sieben Kapitel beleuchtet die Situation in der Demokratischen Republik Kongo, »einem Land, in dem Vergewaltigung als Kriegswaffe, als Ausdruck struktureller Gewalt und als Mittel der Kriegsführung in erschütternder Häufigkeit und Konzentration eingesetzt wird.« Brigitta Muntendorf entschied sich für dieses Kapitel dazu mit einem AI-Chor zu arbeiten, der mit einem Sprechgesang in einer Ecke des Raumes auftritt und sich nach und nach in seine Bestandteile auflöst: »Der Saal wird zu einer Art dokumentarischem Ort, in dem nichts mehr an seiner Stelle ist. Alles Klangliche löst sich aus seinen Kontexten, eine Art akustischer Zerfall, und man wird Zeug:in dieses Prozesses: Es lösen sich ganze Communities auf in Folge der systematischen Vergewaltigung von Frauen. Das reißt nicht nur Familien auseinander, sondern ganze Bevölkerungsgruppen« – und ist eines der zentralen Ziele dieser Form der Gewalt: »Die systematische Ausübung von sexualisierter Gewalt dient dazu, die ›gegnerische‹ Bevölkerungsgruppe zu terrorisieren, zu demoralisieren, zu vertreiben und zu zerstören«, schreibt Jeannette Böhme in einem Beitrag für die Heinrich Böll Stiftung.
Dieses Thema nun auf gewisse Weise zu ästhetisieren, indem man es in einem Oratorium behandelt, ist eine Herausforderung – auch die Rezensent:innen sahen das Vorhaben mitunter kritisch: Ist das »ein Thema für das Musiktheater«? (Berliner Zeitung) Strahlt dieses Oratorium genug »Dringlichkeit« aus? (Deutsche Bühne) Erschüttert und schockiert diese Herangehensweise genug? (Theater der Zeit) Die Rezensionen zeigen, dass Brigitta Muntendorf mit »Orbit« ein Feld bearbeitet und Fragen stellt, das diskursiv bisher kaum ausgiebig beackert wurde. Das passiert in ihrer Arbeit nicht nur bei »Orbit«, sondern immer wieder: Wer ihre Musiktheaterstücke besucht, wer sich in einem völlig ungewohnten Raum – vielleicht ohne Bühne und Performer:innen – wiederfindet, einem Thema ausgesetzt, das aktueller, relevanter, schmerzhafter kaum sein könnte, wird damit völlig auf sich selbst zurückgeworfen. Was erwarte ich von Musiktheater? Welche Rolle spielt Kunst im gesellschaftlichen Diskurs? Warum ergreift mich etwas – und etwas anderes nicht? Sie werden so gesehen gezwungen, wie Muntendorf es ausdrückt, »radikal zuzuhören«.
»Ich finde es wichtig und zudem wahnsinnig interessant darüber nachzudenken, wie man diese Themen in Musik übersetzen kann«, sagt Brigitta Muntendorf. »Bei ›Orbit‹ hat diese Findung tatsächlich sehr lange gedauert, ich habe ein Jahr an dem Stück gearbeitet, weil es nicht einfach war, eine Form des künstlerischen Umgangs und der Vermittlung für dieses Themenfeld zu finden. Gleichzeitig habe ich neue Formen und Zugänge entwickeln können, wie das Environmental Storytelling oder Radical Listening.«

Dabei, sagt sie, beschäftigt sie das Thema Gewalt aus einer feministischen Perspektive heraus im Alltag ständig: »Ich kann mich dem kaum mehr entziehen, weil Gewalt in unserem Alltag und als strukturelles Moment immer präsenter wird, und zwar auf ganz vielen verschiedenen Ebenen. Seit der Arbeit an ›Orbit‹ treiben mich dieses Thema und auch die Forschungen dazu um.« Ihre aktuelle Arbeit »FORCE IS PRESENT«, die Anfang Oktober im BASE in Mailand uraufgeführt wurde, denkt den Ansatz aus »Orbit« deshalb weiter: »Es geht um jene Gewalt, deren Ursprung nicht mehr sichtbar ist, wie es zum Beispiel in der modernen Kriegsführung der Fall ist.« In der Musik spiegelt Muntendorf das als psychoakustischen Erfahrungsraum: »Dafür arbeite ich unter anderem mit räumlichen Rhythmen, die unsere Wahrnehmung manipulieren oder mit einem Triggersystem mit Lichtschranken, wobei ein Pianist sehr laute Akkorde nur noch durch Spielgesten und ohne Instrument triggert. Vielleicht nehmen wir diese Gesten selbst schon als Gewalt wahr oder fragen uns, wie sich Gewalt eigentlich zeigt oder auch nicht zeigt.« Um Gewalt auszuüben, ist eben nicht immer eine physische Berührung möglich – oft genug reichen eine Andeutung, ein Wort, ein Blick.
Technologien – KI, Social Media, Augmented Reality, 3D-Sound, Screens, Robotik – spielen für Brigitta Muntendorfs Arbeit immer schon eine zentrale Rolle. Sie begreift sie einerseits als zentralen Bestandteil soziopolitischer Realität, andererseits als Mittel, um durch Immersion »musikalisch neue Narrative« zu entwickeln. Brigitta Muntendorf nutzt all diese Möglichkeiten und Softwares, um neue Erfahrungen zu kreieren, in denen das Publikum selbst zum Teil der Performance wird, indem es »zwischen Assoziationen und inneren Bildern oszilliert, in eine Selbstreflektion tritt.« In ihrem Aufsatz »Mehr Chaos, bitte« (2018) schreibt sie: »Wir befinden uns in einer Kultur der Digitalität, d.h. in der Durchdringung des Analogen, des Physischen und Materiellen mit digitalen Infrastrukturen. (…) Die Zukunft der Neuen Musik, ihre Relevanz in künstlerischer und sozialer Bedeutung entscheidet sich daran, ob sie sich innerhalb oder außerhalb dieser Prozesse verortet und ob Schaffende, Interpretierende und Fördernde bereit sind, bestehende Strukturen nicht nur zu erweitern, sondern grundlegend neu zu denken. Andernfalls liegt es auf der Hand, dass sie ihr Dasein als museale und künstlich am Leben gehaltene Kunstform fristet, in der die innewohnende Widerständigkeit als höchste Form der Anpassung in einem kultivierten und abgeriegelten Diskurs über Gesellschaft und Kultur erscheint.« Die digitale Revolution sei der Beweis dafür, dass gerade nicht-lineare, chaotische Prozesse zur Quelle von Lebendigkeit werden können, von Kreativität, Resonanz und Gemeinschaftlichkeit.
»Man muss einsteigen und einfach mitfahren«, sagt Brigitta Muntendorf im Gespräch. »Ich arbeite lange an meinen Konzepten, und dann fährt meine Musik einfach los, das ist auch beim Komponieren irgendwie ein Trip. Es gibt oft mehrere gleichzeitige Handlungsstränge, sodass man immer wieder andere Szenen verfolgen kann. Manche steigen da aus, andere verlieren sich darin.« Sie selbst materialisiert in ihren Musiktheaterwerken auf gewisse Weise ihren eigenen Blick auf Kunst und Musik: »In meinem Kopf ist während eines Konzerts immer sehr viel los«, sagt sie. »Oft bin ich in einer Situation und erlebe sie gleichzeitig in parallelen Handlungssträngen, da sind gern mal vier, fünf andere Bilder im Kopf, die gleichzeitig ablaufen. Vielleicht ist das immersives Denken.« Dabei entstehen Szenen wie in »MELENCOLIA«: »Ein Violin-Duo spielt eine Art barocke Fuge zu einem Fussballchor von tausenden Menschen, die ›I never walk alone‹ singen.” Beides, sagt Muntendorf, »behauptet Größe, beides ist ein Versuch zu ordnen, Zugehörigkeit zu finden. Ein Dirigent mit großen Flügeln sitzt vor dem Duo, sein Dirigat bewegt sich zwischen Schwelgen und Ordnen, für sich, für andere. Im Hintergrund sehen wir Zinédine Zidane auf der Leinwand, der gerade mit einem Kopfstoß seine Karriere ruiniert. Daneben die beiden Schlagzeuger des Ensemble Modern, die live das erste Ping-Pong Computerspiel auf der zweiten Leinwand spielen. Und der antike Chor, der auf einem Sofa sitzt und zwischendurch jodelt.«
Dieses Jahr hat Brigitta Muntendorf die Intendanz der Festspiele Herrnhausen in Hannover übernommen – ein interdisziplinäres Festival, das gezielt nach ihrer Expertise und Arbeitsweise fragt. Zwar gab es dort bereits Produktionen, die sich mit Digitalität und ihrem soziopolitischen Impact beschäftigt haben, doch bisher noch keinen entsprechenden Schwerpunkt. Das will Brigitta Muntendorf ändern: »Meine Vision ist es, dort die Schnittstelle von Kunst und Technologie stark zu machen und einen Zukunftsparkour zu schaffen. Ich möchte künstlerische Handschriften suchen, die sich mit der Digitalität und all ihren Auswirkungen auseinandersetzen, den globalpolitischen, ökologischen, privaten und auch denen für die Kunst, für die Musik.«