Von Karl Ludwig
Wie Tentakeln schlängeln sich Leuchtschläuche durch den Raum, erkunden den Boden, die Wände in alle Richtungen bis zur Decke. An ihrem Ausgangspunkt im Zentrum stehen zwei Stühle. Einander gegenüber nehmen wir Platz. Uns wird ein Sensor an den Zeigefinger geklemmt und die Lichter zucken nervös. Ein hoher Ton hebt an. Bist Du auch so aufgeregt? Ja, an einem kleinen Licht vor uns sehen wir den pochenden Rhythmus unserer Herzschläge – ziemlich asynchron. Aber unsere beiden hohen Töne beruhigen mich, Klänge wie von Tonschalen kommen dazu und verflüchtigen sich wieder. Gemeinsam hören wir in den Raum. Ich sehe Dich atmen, fühle Deine Ruhe, schließe die Augen. Immer voller werden die Klänge, ein ganzes Ökosystem, das unseren Atem trägt – wir haben unseren Herzschlag synchronisiert.
Mit einem einfachen Pulssensor kreiert die Komponistin Claudia Robles-Angel dieses komplexe Wahrnehmungssystem von “In & Out of Sync“ (2019). Mit einfachsten Mitteln von Licht und Klang stellt sie tiefgreifende Fragen über unser Menschsein. Wie weit reicht unser Gespür? Was ist Empathie und wie nehmen wir unsere Umgebung wahr? Wie greifen unsere Sinne dabei ineinander und bin ich nicht immer auch ein bisschen Du?
In “LEIKHĒN“ (2018) wird diese Grenze nach dem Vorbild hybrider Flechten, Symbiosen aus Pilz und Alge, aufgeweicht. Im Zentrum der Installation sitzt ein Host, dessen körperliche Reaktionen mit einem EEG gemessen werden. Sie steuern die Bilder von Flechten auf der umgebenden 360°-Videoleinwand sowie die akustische Atmosphäre aus Natursounds. Zusätzlich können weitere Besuchende mit ihren Handbewegungen die Ausbreitung der Flechten auf der Leinwand steuern. Diese Berührungen werden mit Transducern auf den Stuhl des Hosts übertragen. Wer steuert nun die Ereignisse der Installation? Im komplexen Aufbau von Feedbackmechanismen wird diese Frage unbeantwortbar. Die Handbewegungen der Besuchenden reagieren auf die Steuerungen des Hosts, die ihrerseits Reaktionen auf Veränderungen durch die Besuchenden sind. Es knüpft sich ein symbiotisches Netz aus Beziehungen, Wahrnehmungen und Reaktionen, in dem die Suche nach dem einen Ursprung unmöglich wird.

Genauso verbleibt auch die genaue Herkunft der Klänge im Vagen. Immer wieder schimmert Konkretes durch: Das Konzert der Grillen und Zikaden in Kolumbien oder andere Alltagsgeräusche lassen erkennen, dass viele Klänge von der Komponistin in der Umgebung aufgenommen wurden. Andere Sounds bleiben abstrakter und entstammen Experimenten mit Objekten im Studio. Wieder andere Sounds werden live erzeugt und stellen Nebengeräusche der installativen Aufbauten in den Vordergrund. Alle Klänge aber werden im Zusammenspiel mit den Algorithmen verarbeitet und verfremdet- Konkretes wird abstrakt und darin umso konkreter. Wie unter dem Mikroskop geht es immer tiefer in den Klang hinein, um noch subtilere Ebenen der Feldaufnahmen zu erschließen. Eine unbändige Neugier nach den Tiefendimensionen des Klangs prägt die Stücke, dort, wo die Körnung der Materialien zur Landschaft und die feinen Härchen am Arm zum Wald werden.
Die in Bogotá in Kolumbien geborene Claudia Robles-Angel geht in ihren Installationen stets von wissenschaftlichen Perspektiven aus. Medizinische Geräte zur Messung von Biodaten, selbstgebaute Interfaces und neueste Materialien stehen ebenso am Anfang von Werken wie Bilder aus dem Mikroskop, Erkenntnisse der Biologie oder physikalische Gesetzmäßigkeiten. Mit dem Pulsoximeter wird der Herzschlag am Finger gemessen, mit dem GSR Interface die Leitfähigkeit der Haut, das heißt ihre mit Stress oder Ruhe veränderte Feuchtigkeit. Das EEG nimmt Veränderungen elektrischer Spannungen auf der Kopfhaut wahr, die von gewissen synaptischen Verbindungen im Gehirn stammen. Wahrnehmung wird durch bestimmte körperliche Reaktionen messbar.
Doch Robles-Angel geht es nicht einfach um die Messung von Körperdaten zum Selbstzweck oder aus Fortschrittsgläubigkeit. Die rohen Daten stehen immer nur am Beginn einer komplexen Verschaltung von Elementen, die im Inneren der harten Fakten einen ganzen Kosmos von Gefühl und Sinnlichkeit entstehen lassen. Im Kern der technischen Aufbauten zeigt sich immer der Mensch und die Frage nach dem Sinn, den er aus den Sinnen erzeugt.
“MINDSCAPE“ (2019) scheint auf den ersten Blick die Laborbedingungen wissenschaftlicher Experimente zu schaffen: Eine Person sitzt vor einem Laptop, mit den vielen Kabeln eines EEGs versehen und an ihre Position gefesselt – klinische Isolation. Auch die musikalischen Abläufe sind in einem Skript minutiös vorausbestimmt. Lichtschlangen führen vom Probanden in den Raum und tanzen im Dunkel des Raumes einen vorherbestimmten Tanz. Dennoch klingt die Komposition niemals gleich. All die Kontrolle wird nichtig, wenn die tatsächlichen Bio-Daten der Probandin erhoben werden und das genaue klangliche Resultat der Parameter bestimmt. Unmöglich, zu sagen, welche Reaktionen der Gehirnströme aufgrund welcher Wahrnehmungen in welchem Moment vorherrschen werden. Machen die Patterns des Lichts nervös oder beruhigen sie, ist es etwas kühler im Raum oder beschäftigt ein anderer Gedanke die Versuchsperson. Der denkbar einfache Aufbau hält eine nicht zu verarbeitende Komplexität an Wechselbeziehungen bereit und die scheinbar so isolierte Person in der Mitte zeigt sich plötzlich wie die Lichtschlangen mit der Umgebung verbunden. Es gibt keinen leeren Raum, zeigt uns Robles-Angel. Überall wartet Information, die beeinflusst, wie und was wir wahrnehmen, die alles einfärbt, wie das Licht den dunklen Raum. Es gibt keine Isolation, keine wissenschaftlich-nüchterne Objektivität oder die “reinen Daten“ – unsere Sinne stehen immer mit allem in Verbindung, um Sinn zu schaffen.

Selbst in rein akustischen Stücken wie “somewhere … nowhere“ von 2023 zeigt sich in der Reduktion die Komplexität. Über zehn Minuten hinweg verlagern sich tiefste grummelnde Field Recordings zu höchstem weißen Rauschen. Anfängliche Versuche, die Klänge Eisenbahnwaggons oder Unterwasserwelten zuzuordnen, werden bald obsolet und zum Schluss fasst ein hohler Sinuston, der von tief unten bis hoch oben gleitet, die einfache Entwicklung zusammen. Doch wo wir zuletzt angelangt sind, ist schwer zu sagen: fast ist es eher ein Farbeindruck, das Weiß des Rauschens, als dass es ein Klang ist. In der mehrkanaligen Verräumlichung mit dem Acousmonium beim Now! Festival ist die Orientierungslosigkeit quasi körperlich spürbar – nichts bleibt zurück als der Raum, wenn sich das letzte hohe Hauchen verflüchtigt hat. Nichts als der Raum mit mir und Dir darin, in dem sich eben etwas zugetragen hat. Und damit all das Unsichtbare der zahllosen Beziehungen, die sich durch ihn ziehen. Zweifellos hier, vor Ort, und doch irgendwo anderswo.
Zwischen den Maschinen, den Datenströmen und Bilderfluten, den Field Recordings und Klang-Ereignissen wirft uns Claudia Robles-Angel auf den komplexen Feedback-Mechanismus Mensch zurück und lässt im Zentrum ihrer Aufbauten dieses Rätsel stehen: Ich. In all meinen Abhängigkeiten, Anhänglichkeiten, Verbindungen und Verhängnissen, in die mein Wahrnehmen immer und überall eingebettet ist, und das ebenso ich bin: Du.

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Claudia Robles-Angel ist Komponistin, Klang- und Medienkünstlerin. Sie lebt in Köln. Ihr Œuvre umfasst sowohl akusmatische und audiovisuelle Kompositionen als auch interaktive Performances und Installationen, die mit biomedizinischen Signalen und KI interagieren. Sie war Gastkünstlerin u.a. am Institut für Musik und Akustik ZKM Karlsruhe (DE) und am ICST- Institute for Computer Music and Sound Technologies ZHdK Zürich (CH) und zeigte ihre Arbeiten u.a. bei der Biennale in Venedig.