NOIES MUSIK
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Zeitung für neue und experimentelle Musik

begegnung mit hyemin jung: resonanzen einer queeren klangpraxis

Aus Noies 03/25 Juli 2025

An der Schnittstelle zwischen technischer Kontrolle und spontanen Reaktionen auf unterschiedliche Resonanzräume bewegt sich die künstlerische Praxis von Hyemin Jung. Als queerer Sound Designer mit autodidaktischer Tonmeister-Ausbildung bricht er den Kanon binärer Strukturen nicht nur im Kontext von Identität, sondern auch im Umgang mit traditioneller Klangkomposition: Systematische Brüche, Dissonanzen und intuitive Prozesse verbinden sich in einem Dialog aus Equipment, Menschen und Atmosphären. Denise Schmid hat sich Jung und seiner Arbeit angenähert.
Hyemin Jung © Denise Schmid
Aus Noies 03/25

Joreng Boi ist Tonmeister:in für visuelle Medien und darstellende Künste und lebt und arbeitet in Köln. Joreng mixt, performt, schreibt Kritiken und veröffentlichte kürzlich die EP “Closed Circle” auf dem Label hundert.

Von Denise Schmid


Es ist ein lauer Sommertag, als ich Hyemin Jung aka Joreng Boi Nähe des Kölner Hansarings auf ein Kaltgetränk und einen zweistündigen Dialog im Filmhaus treffe. Schon bei der Begrüßung ist klar, dass hier nicht performt werden muss. Hyemin empfängt mich aus der Ferne nickend, wirkt noch etwas zerstreut, weil er gerade den Schreibtisch verlassen hat und wahrscheinlich noch vertieft in sein Essay über queere Theorie gewesen ist. 

Das Gespräch entwickelt sich spontan aus einem Impuls heraus: Dabei stelle ich viele offene Fragen zu kulturellen Einflüssen, Identität, künstlerischen Prozessen mit Narrativ und interessiere mich vor allem für Wahrnehmung und soziale Räume. 

Geboren in Korea, sozialisiert in Berliner Technoclubs und derzeit ansässig in Köln, verbindet er klassische Kompositionslehre mit den subversiven Potenzialen von Noise, Drone und Ambient. In seiner Arbeit – ob als Joreng Boi on stage oder im Studio – verschränkt er akustische Recherche mit körperlicher Präsenz, klangliche Materialität mit gesellschaftlicher Relevanz. 

Im Gesprächsverlauf beschreibt er fast beiläufig eine grundlegende Verschiebung seiner Wahrnehmung: Das Hören ist zumprimären Werkzeug geworden, sich die Welt zu erschließen. Diese auditive Praxis hat sich wahrscheinlich als Nebeneffekt seiner Erfahrungen mit Foley-Sound im Bereich von Sound Design und Animation herausgebildet. Beeinflusst von Geschwindigkeit, Pausen und Struktur kann diese bis heute als Ideengrundlage seiner Methodik kanalisiert werden: ‘’Ich glaube nicht, dass ich in meinem täglichen Leben besonders auf Geräusche achte. Aber auch, wenn ich nicht bewusst zuhöre, nehme ich unbewusst Dinge wahr. Die Augen sind an dem Interpretationsprozess überhaupt nicht beteiligt, und alltägliche Szenen fühlen sich wie Hörspiele an.“ 


An der Kunsthochschule in Korea basierten die ersten Projekte von ihm noch auf Stimmfragmenten. Sie wurden collagenartig aneinandergereiht und neu zusammengesetzt, um Geschichten zu erzählen. Hyemin filtert Klänge, Dialoge, überprüft sie auf einzelne Elemente, schneidet diese heraus, versetzt sie im Loop und konstruiert hörbare Sequenzen. Das liegt vor allem daran, dass Sounddesigner:innen zuerst mit Bildern konfrontiert werden, bei denen Ton und Geräusche erst noch hinzugefügt werden müssen, um die nicht-existente animierte Welt überzeugend sowie real greifbar zu machen. Ein solcher Vermittlungsansatz zwischen zwei Dimensionen erfordert Übung im Erkennen von Grenzen zwischen Realität und Virtuellem und ist stets von der Frage geleitet, ob Geschichten oder Erinnerungen durch Klang oder den Einsatz von Geräuschen wiedergegeben werden können. 

Die Arbeitsweise greift damit auch sozialtheoretische Konzepte von Resonanz auf – insbesondere die Frage nach Subjekt-Objekt-Beziehungen, die nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch-gesellschaftlich relevant sind. 

Hyemin führt aus: “Wenn ich Klang zur Darstellung der Atmosphäre verwende, setze ich häufig Effekte ein, die dem Klang ein Gefühl von Raum geben, oder ich verwende Field Recordings, die Dialoge enthalten, um sicherzustellen, dass die Beziehungen von Raum und Menschen nicht vergessen werden.“ 

Soziale Rollen in gesellschaftlichen oder politischen Kontexten bilden die Grundlage seiner Auseinandersetzung mit Klang. Sie verorten sich an der Schwelle von Identität und Ausdruck, verlaufen nicht linear, sondern prozesshaft. 

Ähnlich wie das daraus entstandene Pseudonym Joreng Boi (sie/ihre). Es existiert erst seit circa drei bis vier Jahren und ging aus einer Auseinandersetzung mit queeren Künstler:innen, vor allem Transpersonen innerhalb der experimentellen Musikszene hervor. 

Hyemins erste Veröffentlichungen erschienen noch unter Jorengthericecake, einem Spitznamen aus Schulzeiten, der immer noch als zierliches Tattoo auf seinem Arm zu finden ist. Die Umrisse einer Erdnuss als süße Analogie zum koreanischen Reiskuchen (Joreng) – weich, formbar, vielleicht ein spielerischer Ausdruck von Identitätsfindung. 

Vor allem durch das Erbe queerer Identität und ihrer gezielten Integration in Performances fühlte er sich darin bestärkt, neue Ansätze zu erproben und diese wie ‘’Drag“ oder eine Art ‘’Maske“ zu nutzen, um sowohl geschlechtsspezifische Normen als auch musikalische Genregrenzen bewusst zu verwischen. Joreng Boi inszeniert sich als queere Persona, verknüpft im transmaskulinen Spektrum (female-to-male). Das Verbinden von binärer Identität und Sound erweist sich jedoch auch immer wieder als Herausforderung: ‘’Obwohl ich respektiere, wie andere queere Künstler:innen sich ausdrücken, möchte ich nicht, dass meine Performance durch bestimmte visuelle Elemente oder Ikonen definiert wird. Stattdessen möchte ich meine Identität durch meine allgemeine Haltung auf der Bühne und das Storytelling vermitteln.“ 

Wie ein überlasteter Prozessor speit der No-Input-Mixer die Klänge eines überforderten Alltags aus. Mechanische Geräusche überlagern sich, brechen in dissonanten Schüben aus, zirkulieren durch den Raum, stoßen an ihre Grenzen. Hyemin nutzt diese akustischen Spannungen, um persönliche Fragen zu verhandeln, die er sich auch in essayistischen Formaten stellt, die in der Theorie seines Studiums an der Kunsthochschule für Medien Köln einen Schwerpunkt bilden. Dabei schafft er Reflexionsräume, in denen das Publikum Teil der Auseinandersetzung wird. Dies geschieht, indem er Atmosphären der direkten Umgebung (Dialoge sowie Soundscapes) wahrnimmt, adaptiert, imitiert und subtil in seine Klangkulissen integriert. 

Durch lose gegliederte Akte, die teilweise von seiner eigenen Erzählerstimme begleitet werden, schafft er ein hörbares Narrativ. Ein Wechselspiel aus Spoken Word, Field Recordings und unkontrollierten Klangtexturen. Seit letztem Jahr Dezember erprobt Hyemin durch Growling, wie er den Umgang mit der eigenen Stimme noch “vertiefen“ kann, um die männliche Komponente hervorzuheben. 

Medienübergreifend arbeitet er mit Ableton als digitalem Interface, greift auf Fragmente archivierter Field Recordings zurück, die durch semi-modulare Synthesizer und ein Mischpult geschleust werden, spielt analoge Akustikgitarre – und sonifiziert Gefühle von Überforderung: im Kontext von Queerness, von Boyhood in normativen Strukturen, von alltäglicher Selbstverortung in einem System, das fordert, formt und gleichzeitig an den eigenen Kapazitäten zehrt. Das Ergebnis wird im Verlauf des intuitiven Prozesses nicht nur hörbar, sondern kann auch körperlich wahrgenommen werden. Der letzte Part des Sets gipfelt in verdichteten Ambientflächen, die langsam und redundant auslaufen wie ein erschöpfter Organismus, der erst durch Resonanz innerlich zur Ruhe kommt. 

Foto: Denise Schmid

Die Kombination klassischer Instrumente mit digitalen Tools, das bewusste „Fehlverkabeln“ von Equipment und die Nutzung von Umgebungsgeräuschen zeigen ein konzeptuelles Interesse. Hyemins Live-Performances sind von einem improvisatorischen Umgang mit Technik, Störungen und Publikum geprägt, während er im Studio präzise und analytisch introspektive Klanglandschaften vertont. So beschränken sich die Veröffentlichungen seiner Diskographie auf Soundcloud eher auf experimentelle Ambient-Alben. Kontraste funktionieren als dualistisches Prinzip: Sie schaffen einerseits Struktur, die im nächsten Moment wieder aufgelöst wird. 

Hyemin erklärt:’’Ich liebe Momente, in denen sich alltägliche Klänge plötzlich in eine Komposition verwandeln. Das gilt auch für den umgekehrten Fall.“ Klänge werden zerlegt, dekonstruiert, entzerrt, verschoben und immer wieder in neue Zusammenhänge eingebettet. 

Während der Pandemie wirkte er noch unter Jorengthericecake an der Compilation Seasons (S/S) mit, die mit diversen koreanischen Künstler:innen im Kollektiv entwickelt wurde und den persönlichen Umgang mit gesellschaftlich-politischen Umbrüchen sowie Ausnahmezuständen wiedergibt: Die Auseinandersetzung mit Covid und die langfristigen Auswirkungen von Impfstoffen und Krankheit. Um diesen belastenden Zustand zu sonifizieren, arbeitete Hyemin mit dem Einsatz von Field Recordings, TV Sequenzen aus Nachrichtensendungen und konstruierte daraus einen verdichteten Klangteppich aus Drones und White Noise, der im Track ‘’Media of Testimony“ (2020) hörbar wird. Die Soundtexturen rauschen wie in einem Schwebezustand dahin, der von subtilen Arpeggios begleitet wird. Die analog erscheinende Sendersuche, die von zarten, fragilen Synthesizern ergänzt wird, erinnert in ihrer Geschwindigkeit und Verdichtung stark an Tim Heckers ,,Radio Amor“. Fast cineastisch entstehen hier atmosphärische Bilder, die collagenartig mäandern und dazu auffordern, abzuwarten, ohne aktiv in die Situation einzugreifen. Ausgeliefert im Moment, sich ausbreitend, jedoch ohne konkrete Informationen. 

Die letzte Mini-EP ‘’Closed Circles“ (2024) erschien im Juni 2024 unter dem Label Hundert und beinhaltet 6 Tracks, die knapp 30 Minuten lang ein spirituelles Hörerlebnis abbilden. Wie zyklische Prozesse, die in stetiger Wiederholung ausgeführt werden, pulsiert ein modularer Synthesizer im Track ‘’The Hat“ mit spielerischem Eigenleben. 

Gegensätzlich atmosphärisch verdichtet, erscheint das Stück ‘’Agora is empty“ fast wie eine sakrale Andacht, die räumliche Leere in einer konstanten Suchbewegung umkreist. Basierend auf archivierten Sounds eines Theater-Soundtracks erhielten bereits vorhandene Aufnahmen aus seinem persönlichen Klangarchiv einen anonymen Cameoauftritt in neuen Kontexten der Selbstauseinandersetzung. Jedes der Alben löst komplett subjektive Assoziationen aus, die den Hörenden auf eine Reise mitnehmen. 

Doch kuratorisches Gespür beweist Hyemin nicht nur in seinen eigenen Produktionen sondern seit 2021 auch als fester Bestandteil des Kölner dublab Radios, das aktuell am Hansaring angesiedelt ist. In mehreren selbst konzipierten Episoden von ‘‘Streams Without Scenes“ hat er das klassische DJ-Set-Format um atmosphärischen Ambient und diverse experimentelle Genres erweitert. Beim Hören dieser Playlists offenbaren sich auch zunehmend persönliche Inspirationen und Einflüsse, die stilprägend sind: Etwa der verdichtete Drone-Ambient von GAS, die modulare Synthesizer-Architektur von Oneohtrix Point Never oder die fragmentarische Erzählweise von Graham Lambkin oder Aaron Dilloway. 

Mich persönlich hat vor allem die Vielschichtigkeit der Persona Joreng Boi sehr fasziniert, weil sie mit unterschiedlichen Medien hantiert, sodass eine konkrete Kategorisierung des Stils kaum möglich ist. Dieses Prinzip lässt sich auch auf Hyemin übertragen. In seiner ruhigen Offenheit liegt eine neugierige, verspielte Haltung verborgen, die Situationen sehr aufmerksam aufnimmt und mit Feingefühl zurückspiegelt. Wie ein sensibles Interface übersetzt er Resonanzen in eine subversive Klangästhetik, die zwischen Kontrolle und Chaos oszilliert. Binäre Gegensätze transformiert er dabei in fließende, gesellschaftskritische Klangbilder, die nicht nur hörbar, sondern auch körperlich spürbar nachwirken und somit ein tieferes Verständnis für Identität eröffnen.

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