Die Tür zum Kulturbunker klemmt. Jemand hält sie auf, ein kurzer Blickwechsel, ein Nicken. Drinnen eine Bühne, so niedrig, dass sie eher nach Gespräch als nach Distanz aussieht. »Ihr dürft hier auch tanzen – das ist kein Konzert, bei dem man brav sitzen muss«, sagt die Moderation. In dieser Ansprache steckt eine Umcodierung: das Konzert als Aushandlungsraum, ein geteiltes Ereignis, bei dem sich Menschen aufeinander beziehen – performend, zuhörend, tanzend. Was hier verhandelt wird, sind nicht bloß Rhythmen – es sind Bedeutungen: Wer benennt »Tradition«?
Als sich Korsi 2024 gründete, war es weniger ein Konzept als eine Reaktion auf eine Leerstelle. »Es fehlte uns an solchen Formaten in der Region«, sagen sie. »Das Machen kam zuerst – das Nachdenken später.« Wo Institutionen häufig über Kategorien entscheiden und dann Programme füllen, installieren Setareh Karimi, Iman Sarami, Salma Abdo und Morteza Kashani den Rahmen zuerst – und lassen Begriffe nachziehen. Nicht, weil Konzepte egal wären, sondern weil Bedeutung aus Handlung entsteht.

Der Name ist Programm. »Korsi« ist in Iran und in Afghanistan ein niedriger Tisch mit Wärmequelle, um den herum sich Familien versammeln, ein Möbel der Nähe: Alltag, Beziehung, geteilte Zeit. So denkt das Kollektiv auch Tradition: Kein konserviertes Objekt, sondern Gebrauchswissen, das soziale Codes des Erinnerns aktiviert.
Aus den bisherigen Abenden lässt sich ihre beziehungsbasierte, solidarische und partizipative Haltung ablesen: der balochische Ustad Noor Baksh & Band in der Lutherkirche; Kamakan aus dem Iran, einmal im Alten Pfandhaus mit der Kölner Musikerin Donya Solaimani als Voract, eine Soli-Veranstaltung im OYA Mülheim zugunsten des Afghanischen Frauenvereins; die Aftershow-Party mit Masala Movement beim DeColonia LAB im Café Toré; der palästinensische Musiker Ahmed Eid gemeinsam mit der Berliner Gruppe lyf im Kulturbunker Mülheim.
»Warum bekommt ›traditioneller‹ Sound in Deutschland meistens nur eine Nebenbühne – als Extra, doch nie als Headliner?«, fragen sie. Wenn »Tradition« nur in Kuriositätenkabinetten oder Heimatabteilungen vorkommt, verschwindet die Gegenwart derjenigen, die sie leben. Ein kleines Beispiel: Bei einer Party legte Korsi Datteln aus – von vielen als selbstverständliche Geste gelesen, vom Venue als »Hygienerisiko« gesehen. »Es war unkompliziert, wir haben sie einfach frisch gekauft«, erzählen sie.
Im Reibungsmoment liegt eine größere Frage: Wer setzt den Rahmen, der legitimiert, was Gemeinschaftspraxis darf – und wessen Erfahrungen gelten als Norm? Wer definiert, was zählt – und nach welchen sozialen und symbolischen Codes?
Musikalisch wird es konkret: Ustad Noor Bakhsh’s brillante Spielweise ist tief in Klangtraditionen Belutschistans verankert, schlägt zugleich weite Brücken zu indischen Ragas, die er eigenwillig-experimentell interpretiert, und bezieht persische sowie kurdische Melodik bis hin zum afghanischen Ghazal ein. Er nutzt dafür eine elektrifizierte Ausführung des »Balochi Banjo«– eine Tastenzither – über einen kleinen Vintage-Gitarrenverstärker. Das Instrument geht auf das japanische Taishōkoto zurück und wurde in Belutschistan zu einem eigenständigen, anspruchsvollen Volksinstrument mit eigener Spielpraxis entwickelt, das die Klangfarben der gesamten Region bündelt.
Oder Kamakan, der interdisziplinär geprägte Künstler zwischen Khuzestan und Teheran, bündelte die Teheraner Underground-Szene und wurde von Korsi nach Köln geholt; sein Debüt wurde zum Fixpunkt iranischer Jugendkultur, während die folgenden Alben das Spektrum von akustisch-rhythmischen Setups hin zu elektronischen Texturen erweitern. In Lyrik und Sound sprengt er Sprach- und Regionsgrenzen, verbindet persische und arabische Dichtung mit indischen Rhythmen, afrodiasporischen Einflüssen und Klängen des Persischen Golfs – etwa dem Dudelsack ähnelnden Ney-Anbān – und gestaltet Konzerte, die explizit zum Mitsingen, Mittanzen und Mitklatschen einladen: kollektive Freude statt bloßem Konsum im alten Pfandhaus Köln.
Korsi macht deutlich: Tradition ist heute eine Methode, Gegenwart zu gestalten. Sie funktioniert als Aushandlungsraum, in dem Menschen ihre vielstimmigen Identitäten leben – Zugehörigkeit in Bewegung, nicht als Fixbild. Diese Verschiebung beginnt bei der Kuratierung.
»Gebucht wird nicht, was ›authentisch‹ klingt, sondern wer mit Haltung arbeitet – Künstler:innen, die Überliefertes nicht einfrieren, sondern als Material einer vielstimmigen Gegenwart begreifen und neu ins Verhältnis setzen: musikalisch hybrid, sozial verankert, politisch wach«, so Morteza vom Korsi Team. »Wir lernen von Event zu Event dazu – nur so funktioniert kollektive Arbeit.”
Beim Soli-Event im OYA Mülheim, organisiert für den Afghanischen Frauenverein, war die Luft erfüllt von Stimmen, Sprachen und Blicken, die sonst selten Raum bekommen. Menschen, die persönlich nicht vom frauen- und völkerrechtsverachtenden Taliban-Regime betroffen sind, hatten sich entschieden, ihre Zeit, Energie und Bühne zu teilen. Das war heilsam. In einem Klima, in dem Themen wie Afghanistan oft übersehen oder vergessen werden, war dieser Abend eine Ausnahme: ernsthaft, solidarisch, zugewandt.
»Es geht uns um die Sache, nicht ums Geld«, sagte Iman von Korsi später. Die Sache war Sichtbarkeit – ein Raum, in dem Sichtbarkeit kein erklärtes Ziel war, sondern einfach geschah. In der Kulturlandschaft ist Kritik heikel: Wer Missstände benennt, riskiert, beim nächsten Mal nicht gefragt zu werden. Korsi kennt diese Logik und verweigert sich ihr bewusst. Sie bauen Beziehungen statt Netzwerke, Vertrauen statt Abhängigkeit. Ihre Arbeit lebt von Kontinuität, nicht von Opportunität. Und genau darin liegt ihre Haltung: Räume schaffen, die nicht auf Anerkennung warten, sondern sie selbst herstellen – leise, konsequent, eigenständig.

Förderstrukturen erzählen eine verwandte Geschichte. Das Neujahr- und Frühlingsfest Newroz war die erste geförderte Veranstaltung – Startschuss, Rückenwind. Danach trugen die meisten Events sich selbst, die Arbeit des Teams blieb ehrenamtlich. »So kann es nicht bleiben. Es kann nicht sein, dass es vom Ehrenamt abhängt, ob Traditionen weiterleben.« Die Diagnose zielt auf Nachhaltigkeit: Punktuelle Förderung erzeugt Sichtbarkeit im Kalender, aber keine verlässlichen Bedingungen für kontinuierliche Praxis. Wer Kultur als demokratische Infrastruktur begreift, muss Prozesse finanzieren, nicht nur Projekte; Beziehungen, nicht nur Produktionen.
Beziehungen sind ohnehin das operative Herz von Korsi. Der Kontakt zu Ustad Noor Baksh & Band entstand, nachdem sie zufällig Danial Ahmed kennenlernten, der den balutschischen Musiker auf die europäischen Bühnen brachte. Dies erforderte, zuvor Präsenz zeigen, zuhören, Vertrauen aufbauen, Verantwortung teilen, Netzwerkarbeit als relationale Praxis. Kooperationen sind gewollt flach: Rollen werden klar benannt. »Nicht absolute Kontrolle, sondern auch Partner einfach machen lassen«, sagen sie. Das ist riskant – und fruchtbar. »Es setzt voraus, Konflikt als Teil des Prozesses zu verstehen, nicht als Störung.«
Die Praxis von Korsi verändert auch das Publikum. Besonders Menschen mit SWANA-Sozialisierung finden hier Zugehörigkeit, ungebunden an Nation, Religion oder Pass. Zugleich bleibt der Raum offen für Menschen ohne SWANA-Bezug. Die Balance ist heikel und produktiv zugleich. Es geht nicht darum, eine Community unter Glas zu stellen; es geht darum, eine Struktur bereitzustellen, in der Zugehörigkeit in Bewegung bleibt: nicht als Grenze, sondern als sichtbare Praxis, die sich im gemeinsamen Tun herstellt.
Was bedeutet Tradition heute?
In Zeiten von Krieg, Krise, Migration wird sie zu einer Ressource kollektiver Erinnerung und Heilung – nicht romantisiert, sondern handfest. Lieder, die viele schon kennen, lassen einen Raum entstehen, in dem das eigene Leben nicht randständig ist. Das ist keine Rückkehr »zu den Wurzeln«, sondern Gegenwartsarbeit: Wer wir sind, verhandeln wir hier – im Rhythmus, in der Sprache, im Blick, der nicht prüft, sondern anerkennt. »Ausgelassenheit = Authentizität«, hat jemand aus dem Team einmal gesagt, halb ironisch, halb ernst. Gemeint ist: Die Integrität der Situation liegt darin, dass Menschen tatsächlich beteiligt sind, nicht perfekt durchchoreografiert.
Natürlich ist diese Arbeit erschöpfend, viel, was dazu gehört neben Lohnarbeit, Ausbildung, Familie. Nach den intensiven Monaten brauchen alle Pausen. Gerade deswegen ist die Frage der Ressourcen politisch. Und ein Betrieb, der »traditionelle« Musik gern als Farbtupfer im Line-up listet, ohne die kuratorische Arbeit und Community-Beziehung nachhaltig mitzudenken, verstetigt Hierarchien statt sie abzubauen.
Der szenische Anfang dieses Textes – Datteln auf den Tischen – ist nicht zufällig gewählt. Die Miniatur hat gezeigt, wie schnell Alltägliches zum Regelverstoß erklärt werden kann, wenn der Rahmen nicht aus der Praxis selbst, sondern von außen gesetzt wird. Wer Tradition im Heute ernst nimmt, darf Rahmen neu denken: weniger Gatekeeping, mehr Verantwortungsübernahme; weniger Event, mehr Infrastruktur. Das heißt, Professionalität nicht als Distanz, sondern als Fürsorge zu begreifen.
Am Ende eines Korsi-Abends bleibt selten nur der Applaus. Menschen bleiben stehen, wechseln Sprachen, planen das nächste Treffen. Ich sehe junge Leute, die Shazam nicht brauchen, weil die Songs Teil ihres Alltags sind; Besucher:innen ohne SWANA-Bezug, die fragen und zuhören, um zu verstehen. In solchen Momenten verschiebt sich, was »Publikum« heißt. Es wird nicht bespielt, sondern beteiligt. Und aus Beteiligung entsteht etwas, das größer ist als der Abend: ein Beitrag zu einer Stadt, die sich nicht über Grenzen definiert, sondern über vertrauensvolle Beziehungen.
Korsi erinnert daran, dass Tradition kein fixer Besitzstand ist, den man verwaltet, sondern eine Praxis, die man teilt – verletzlich, riskant, widersprüchlich, lebendig. »Nur konserviertes Wiedergeben ist fad. Gelebte Praxis bleibt die stärkste Form«, sagt Morteza. Dieser Satz ist kein Motto an der Wand, sondern ein Arbeitsvertrag mit der Zukunft. Wenn man will, liegt darin auch eine Antwort auf die Nebenbühnen-Frage. Die Lösung ist nicht, »traditionellen Sound« einmalig nach vorne zu schieben. Die Lösung ist, die Logik der Bühnen zu öffnen: kuratorisch, finanziell, strukturell. Räume so zu bauen, dass viele in ihnen vorkommen. Korsi zeigt, wie das geht: mit niedrigen Bühnen, klaren Haltungen, geteilten Sprachen, Beziehungen, die tragen. Und mit der Beharrlichkeit, bei der Sache zu bleiben, wenn die Aufmerksamkeit an andere Orte zieht.
Korsi ist ein Kölner Kollektiv, das seit 2024 Veranstaltungen mit Musik- und Erzählformen mit Bezügen zu Südwestasien und Nordafrika (SWANA) kuratiert. Das Team arbeitet ehrenamtlich, vernetzt und prozessorientiert – und verstehen Musiktradition als gegenwärtige, offene Praxis.
Monita Wagma wuchs auf mit Shorba und Ash Reshteh. Sie ist Islam- und Asienwissenschaftlerin, DJ und Radiomoderatorin. Seit 2017 hostet sie »Cup of Tea« auf 674.FM (Köln), seit 2022 moderiert sie »Maenad Transmission« im Studio Néau (Eupen, Belgien). Sie ist bei Meakusma und im Studio Néau aktiv und studiert Populäre Musik an der Folkwang Universität der Künste.