NOIES MUSIK
SZENE NRW
Zeitung für neue und experimentelle Musik

begegnung mit polypixa: zwischen noise und nausea

Aus Noies 25/04 Mai 2026

Polypixa schreibt fragile Lyrics für draufgängerische Lieder, die sich mal übermütig, mal müde bürokratischen Binaritäten entziehen. Verena Hahn ging mit Polypixa am Fluss spazieren und hörte den Geschichten aus und hinter der Musik zu.
Foto von Frederike Wetzels
Aus Noies 25/04

1. Global Act ist eine Kölner Wohnbaugesellschaft.

Text: Verena Hahn


Polina Korovina hat schon früh gemerkt, dass Zeit (Z) relativ ist. 

Ein Kind, kaum in die Gesellschaft (G) eingeführt, kann schnell aus dem Raster fallen, das Z an G ausrichtet. Die Diagnose: früh-, spät- oder anders reif. »When you grow from dirt / Grow aside like weed«, singt Korovina aka Polypixa auf »No Visa to Heaven«. Das Album ist nur ein Mixing von der Veröffentlichung entfernt. »Ich habe mich viel mit diesem Bild auseinandergesetzt, seitlich, weiter weg wachsen. Wenn man ein bisschen langsamer oder nicht in der Sonne wächst oder die Erde zu oft gewechselt wurde«, erzählt Polypixa. Lange, bevor die Musiker:in den Begriff kennenlernt, eckt Korovina mit den Binaritäten der Erziehungsanstalten an: Mädchen oder Junge, gesund oder nicht gesund, normal oder unnormal. »Queere Kindlichkeit, neurodivergentes Aufwachsen hat eine ganz andere Zeitlichkeit. Das sind ganz andere Sprünge.« 

Eigentlich sei Zeit Polys Freund. Zum Beispiel wartet die Künstler:in ab, trinkt einen Kaffee oder legt sich hin, bevor an einer musikalischen Idee weitergearbeitet wird. »Aber ich bin auch traurig, weil Dinge sich sehr langsam entwickeln. Ich habe sieben Jahre auf einen deutschen Passport gewartet. Das war viel anstrengende Papierarbeit und viele dringende Situationen im Ausländeramt. Oder, ich beziehe Bafög, und die Ämter verspäten sich manchmal über mehrere Monate. Latein hat das gut unter einen Hut bekommen, dass Leiden und Warten das Gleiche ist.«

Patī, passus sum, patiēns, patientis – Latein gehört nicht zu den Sprachen, auf denen die in Russland geborene, in Moldawien eingeschulte und in Deutschland erwachsen gewordene Künstler:in Texte schreibt. Und doch sind in dieser Wortfamilie viele der Themen enthalten, von denen auch No Visa to Heaven handelt. Nach Queer Criminals – einer Art low-fi Roadtripsoundtrack einer untertauchenden Flüchtigen, allerdings im Tempo eines Flaneurs, der den Zuhörer:innen bis zum letzten Track den Atem stocken lässt, ob sich die eigenständigen Wiedereingliederungsversuche des queeren Kriminellen positiv auf das Strafmaß auswirken könnten (»You don’t have any clue / How much I’m learning / I am learning from you / Teach me to eat / Teach me to walk«) – ist No Visa to Heaven Polypixas drittes Album. Diesmal heißt der Protagonist Chunky, eine verspielte, langsame Kreatur mit Rückenschmerzen und voller Festplatte, dem in zwölf Liedern Aufenthaltsstatus (»Don’t interrupt my german dream«), urbaner Wohnungsmangel (»Greedy bourgie Global Act1«) und andere soziale Objektivitäten in die Que(e)re kommen. 


Nach Chunky ist nicht nur die zweite Single »Cheeky Chunky« benannt. Polina arbeitet zurzeit an einem Buch, das begleitend zum Album erscheinen soll. Darin erzählt Polypixa die Geschichte von Chunky, der aus einer Pfütze kommt, in ein Haus schleicht und sich heimlich unter einer Treppe einrichtet. Die Innenarchitektin des Hauses ist eine Schnecke, deren Schneckenhaus ein Klang- und Zeitarchiv enthält. Chunky stellt fest, dass er vieles auf einmal sein kann: Eindringling und Gast, Hausmeister und Vandalist. 

Foto von Frederike Wetzels

In jedem Raum soll die Leser:in ein QR-Code zu einem Track erwarten. Die Geschichte selbst ist wie ein Architekturmodell, das Polypixa nicht nur dient, um die Statik eines neuen Aufenthaltsorts durchzuspielen. Es ist auch ein Entwurf für eine Art WG oder Mehrgenerationenhaus, in dem sich sämtliche künstlerischen Aktivitäten von Polypixa Dach und Klingelschild teilen: Musik, künstlerische Forschung, Lyrik und Malerei.

Ähnlich wie Chunky ist auch Polypixas Sound im Provisorischen zuhause. Die Vocals sind zurückhaltend, als würde Korovina eher für sich selbst singen als für die Nachbarn. Wie eine Überlebenskünstler:in findet sich Polypixa in den verschiedensten Nischen zurecht: in »Cheeky Chunky«’s rastlosem Breakbeat, im opulenten neoklassischen Pop bei »Полёт (Polёt)« und sogar in Hans Nieswandts casual schickem Houseremix von »December Kid«. Da heißt es »I’m writing codes tonight and hacking all your games / You seem so paranoid protecting your own space«. Wie der Albtraum eines jeden Reinheitsfanatikers nehmen sich Polypixa und Chunky, worauf sie Appetit haben, und haben sich vorher nicht mal die Hände gewaschen.


Mit 10 Jahren zieht Polina Korovina vom Stadtrand Tiraspols nach Bergisch Gladbach. »Ich fand das dreigliedrige Bildungssystem in Deutschland so gewaltsam. Man kann anhand von Noten soziale Herkunft ablesen, das kannte ich in Moldawien so nicht.« Erst an der Kunsthochschule für Medien in Köln fängt Korovina an, Musik zu machen. Seitdem entwickelt sich der Sound von Polypixa in Improvisationen mit befreundeten Musiker:innen. Die Namen der Kollaborateur:innen lesen sich wie eine Stadtkarte Kölns freier Musikszene: von multidisziplinären Künstler:innen wie Regisseurin Koxi oder Zirkuskünstler Erik Awerner über KHM-Autodidakt:innen wie Joreng Boi oder Bidisha Das bis zur Elektronik- und Klangkunstszene mit Waltraud Blischke und Maria Wildeis – und während sich die akademische Welt der Neuen Musik und der Underground in Köln normalerweise mit gegenseitiger Ignoranz beehren, öffnet Polypixa zusammen mit Cellist Carl-Noë Struck und Flötistin Evelin Degen neue Kanäle.

Prägendster Co-Criminal ist aber Roman Gorich. Der ehemalige Gitarrenlehrer von Korovina sowie Gitarrist und Produzent des Duos Taz Chernill hat alle drei Alben von Polypixa produziert. Bei Gorich wird von Emo und Punk über Hip Hop und Jazz bis zu melancholisch-trägem Schülerbandrock alles dekonstruiert – ein Sound, in dessen Brüchen sich musikalische, politische und persönliche Geschichte immer wieder neu sortiert.

Polina Korovina hat noch eine weitere (Ersatz-)Wortfamilie: Noise leitet sich vom französischen »noice« ab, das auf das lateinische »nausea« für Seekrankheit zurückgeht. »Das passt auch gut zu Immigration, weil man balanciert ja auch. Durch Immigration hat man manchmal Schwindel.« Ist Korovina schon mal von Immigration schlecht geworden? »Bei meinem ersten Karneval. Ich habe nichts getrunken, nur ein paar Züge angeguckt, und das erste, was ich gemacht habe, ist: Ich habe mich übergeben. Ich konnte die Musik und das Visuelle nicht zusammenbringen: die großen Wagen, die vorbeiziehen und Süßigkeiten herunterwerfen, diese bettelnde Situation, wo man nach Kamelle ruft oder Strüßjer. Da war mir schwindelig.«