NOIES MUSIK
SZENE NRW
Zeitung für neue und experimentelle Musik

gedanken über konzert(ver)ort(ungen) field recordings

Aus Noies 04/25 März 2026

Sebastian von der Heide veranstaltet Konzerte experimenteller Musik, die sich durch Liebe zum Detail auszeichnen. Die temporär in Bühnen verwandelten Orte bringen ihre ganz eigenen Regeln mit und lassen den Musiker:innen keine andere Wahl, als darauf einzugehen. Die provisorischen Bedingungen machen jede Veranstaltung zum Wagnis. Und doch ermöglichen gerade diese Bedingungen Begegnungen und musikalische Situationen, die in konventionellen Konzerträumen selten zu erleben sind. Der Veranstalter und Perkussionist erzählt von zwei Reihen, in denen nichts selbstverständlich ist.
Höhle bei Mérindol. Foto © Sebastian von der Heide
Aus Noies 04/25

Cheval Blanc

Knud Viktor (1924–2013) ist vor allem für seine Fähigkeit bekannt geworden, die feinen Klanglandschaften der Natur mit dem Mikrofon aus nächster Nähe einzufangen. Er wurde in Dänemark geboren und ließ sich dann in Frankreich nieder, wo er als Pionier der Klangmalerei und der akustischen Ökologie Anerkennung fand. Sein vielseitiges Werk umfasst Filme, Installationen und Fotografie, klangliche Kompositionen, die allesamt von seiner Verbindung zur Natur geprägt sind.

Zum ersten Mal hörte ich von Knud Viktor, als mir mein Freund Iku sein Album “Ambiances” (1972) vorspielte. Sofort war ich beeindruckt von der zugleich poetischen und präzisen Form. Viktor verstand es, selbst die subtilsten Geräusche – das Zirpen von Zikaden, das Knirschen und Brechen von Felswänden, das Tropfen von Wasser – in eindringliche Klanglandschaften zu verwandeln. Besonders seine Serie IMAGES, narrative quadrophonische Kompositionen, vermittelt einen unmittelbaren Eindruck seiner täglichen Wanderungen durch die Berge und Höhlen des Luberon im Süden Frankreichs, wo er viele Jahre seines Lebens verbrachte.

Im Oktober 2022 machte ich mich mit einer Gruppe Freund:innen auf, um eben diese Landschaft zu erkunden. In der trockenen Herbstluft wanderten wir durch die Kalksteinschluchten und Bergketten bei Mérindol – genau dort, wo Viktor einst unterwegs war. Beim Gehen schien es, als würden seine Aufnahmen durch die Täler widerhallen: das Rascheln der Blätter, das Dröhnen der Zikaden, das Heulen der Eulen – eine ruhige, aber kraftvolle Symphonie, die sich mit dem Wind verband. Als wir tiefer in die Schluchten vordrangen, öffneten sich vor uns große Höhlen. Unsere Schritte hallten in den Kammern wider, Schatten huschten über den staubigen Boden und die Natur erschien in einem unwirklichen Licht. Zugleich erfüllten intensive Düfte die Luft: Erde, Lavendel und Zeder. Diese Reise inspirierte mich, eines seiner Werke im Rahmen unserer Gartenkonzertreihe Evelyns Garten in Köln aufzuführen. Ein Bekannter lud uns ein, ein Konzert in einem kollektiven Gartenprojekt nahe der Stadtgrenze zu Bergisch Gladbach zu veranstalten, also nahm ich Kontakt zu Knud Viktors Sohn auf. Er gab uns die Erlaubnis für die Aufführung und schickte mir die digitalisierten Bänder sowie eine Erklärung zur Partitur. Neben der Premiere von Knud Viktors Stück waren weitere Performances geplant, unter anderem mit den US-amerikanischen Künstler:innen Sunik Kim und Dominic Coles sowie mit der Kölner Künstlerin Esther Rosiny-Wieland.

Am Tag der Aufführung verlief der Soundcheck wunderbar. Es war wirklich etwas Besonderes für mich, das Stück in der ruhigen Atmosphäre des Gartens zu hören. Während ich die Anlage auf ihre Feinheiten abstimmte, erhielten wir unerwarteten Besuch. Ein Geschäftsmann kam mit ernstem Gesichtsausdruck auf uns zu. Er war der Besitzer des angrenzenden Pferdestalls und äußerte seine Besorgnis, dass die Lautstärke die Tiere stören könnte. Mit einer Haltung, die an einen erfahrenen Cowboy erinnerte, betonte er, wie wichtig Ruhe für die Pferde sei, bei denen es sich nicht um gewöhnliche Pferde handelte, sondern um „wertvolle Besitztümer“, die ein beträchtliches Vermögen wert waren. Er rumpelte mit seinem Land Rover davon, das Dröhnen verhallte allmählich in der Ferne und hinterließ ein nachhallendes Echo, das durch die Atmosphäre des Gartens hallte.

Überrascht von der Strenge seines Tons bemühten wir uns, eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten, insbesondere die Pferde, zufriedenstellen würde. Wir stellten die Anlage weiter weg vom Stall und vermieden so mögliche Störungen. Schnell kam er zurück, versicherte uns, dass nun alles in Ordnung sei und verwies auf vergangene Karnevalsumzüge und Schützenfeste mit Schlagermusik, die direkt an dem Stall vorbeiführen, diese hätte auch nie Probleme bereitet. Als das Konzert am Abend begann, füllte sich der Garten mit einer Mischung aus Natur- und Menschenklängen. Esther Rosiny-Wieland eröffnete mit einer Performance, in der sie Papier, eine Schreibfeder und Kontaktmikrofone einsetzte. Danach folgte Sunik Kim mit einem Set, das an Cecil Taylors „Unit Structures” und Stockhausens „Gruppen” erinnerte. Dominic Coles entschied sich für einen sehr konzeptuellen Ansatz: Er saß während seiner Aufführung neben einem alten Apfelbaum und notierte, wie er seine vorab eingespielte Komposition in dieser Situation wahrnahm und machte sich Notizen dazu. Coles beendete seine Darbietung mit einem Zitat des australischen Komponisten Chris Mann: »The object of the performer is to make sense of it, so that he can survive the piece.« Kurz bevor die Aufführung von Knud Viktors Werk an der Reihe war, kam unser Bekannter aus dem Gartenkollektiv unruhig und besorgt zu mir. Der Stallbesitzer hatte seine Bedenken nun doch nochmal verstärkt, wurde zunehmend unfreundlich und drohte nun sogar mit rechtlichen Schritten. Seine Sorge um die Pferde überwog jede Wertschätzung für die Darbietungen. Angesichts seiner Drohungen hätten wir keine andere Wahl, als die Aufführung von Knud Viktors Stück abzusagen.

Als er mir diese Nachricht überbrachte, spürte ich einen Kloß im Hals. Es war nicht nur die Enttäuschung, Viktors Werk nicht mit dem Publikum teilen zu können, sondern auch das Gefühl, dass Wochen der Planung und Vorfreude in einem Augenblick zunichte gemacht wurden. Der Stress der Situation, verstärkt durch meinen Heuschnupfen, ließ meine Augen brennen und erschwerte das Atmen. Die Tränen, die mir in die Augen stiegen, waren nicht allein der Allergie geschuldet. Und doch blieb, trotz aller Enttäuschung, ein kleiner Trost: jener kurze Moment des Soundchecks, in dem IMAGE IV den Garten erfüllte und für einen Augenblick erlebbar machte, was Knud Viktor bis heute auszeichnet – die fragile, eindringliche Verbindung von Klang und Natur.

Konzertabend im Exyno am 02.05.2023. Poster © Sebastian von der Heide

Bistro Caffee Exyno

Im Kölner Süden, zwischen Smoothie-Bars, Burgerläden und Cafés, suchte ich nach einem Ort, an dem ich ein Konzert für meine dänischen Freund:innen veranstalten konnte, die auf Tour durch Südeuropa waren. Doch viele der bekannten Räume waren geschlossen oder unzugänglich geworden. Die Lösung lag, ohne dass ich es sofort erkannte, in Erinnerungen an die Vormittage während der Pandemie, als ich mit Julius und Esther im Bistro Caffee Exyno saß. Es war ein Ort, an dem wir Zuflucht suchten, während draußen die Welt stillstand. Wochen später, bei einem Spaziergang durch die Südstadt, fiel mein Blick auf die vertraute Fassade. 

Die Besitzerin, Claudia, reagierte zunächst zögerlich. Als ich sie telefonisch kontaktierte, verstand sie mich anfangs falsch und hielt mich für einen Finanzbeamten. Erst nach einigen Erklärungen wurde ihr klar, worum es geht und sie versprach, sich bei mir zu melden. Ich hatte allerdings Zweifel, ob sie sich wirklich melden würde. Am nächsten Morgen, während ich auf dem Weg zur Arbeit war, durchbrach ihr unerwarteter Anruf den Lärm der Autobahn. Ihre Stimme klang offen und neugierig – sie war bereit, es zu versuchen.

Claudia erzählte mir einmal, sie habe ihr Café ursprünglich „Onyx“ nennen wollen – nach dem schwarzen Quarzmineral, Symbol für Stärke und Beständigkeit. Doch bei der Registrierung gab es ein Missverständnis und aus „Onyx“ wurde „Exyno“. Sie nahm es mit Humor. Der neue Name, sagte sie, passe inzwischen besser zu dem Ort: eigenwillig, unaufgeregt, ein Symbol für die einzigartige Identität des Cafés.

Nach der Pandemie kehrten vor allem die Nachbarn und Bauarbeiter zurück. Sie verbrachten ihre Tage zwischen dem Duft von Kaffee und geschmolzenem Käsetoast, dem Klingeln der Spielautomaten (Book of Ra), dem Rascheln der Zeitung auf dem Tresen und dem Ploppen frisch geöffneter Bierflaschen. Gemeinsam begannen wir, den Raum umzugestalten – behutsam, ohne seine Eigenheit zu verlieren. Wir stellten Lautsprecher zwischen Pooltisch und Zigarettenautomat, räumten ein paar Stühle zur Seite und schufen eine Atmosphäre, in der Musik und Alltag nebeneinander existieren konnten. 

Die erste Konzertnacht im Exyno war ruhig und intensiv. Als die ersten Töne den Raum erfüllten und vom Fliesenboden widerhallten, legte sich eine gespannte Ruhe über die Anwesenden. Draußen blieben Passant:innen stehen und blickten durch die großen Fenster. Drinnen entstand eine merkwürdige Nähe – zwischen Musiker:innen, Gästen und zufälligen Passant:innen, die blieben. Insgesamt konnten wir 5 Abende bei Claudia veranstalten: Von einem Abend mit konzeptueller Computermusik bis hin zu improvisierten Darbietungen war vieles dabei.

Die Klänge mischten sich mit den Geräuschen des Raums: dem Klirren der Gläser, dem Surren der Espressomaschine, den gedämpften Gesprächen am Tresen. Ein Lautsprecher vibrierte auf dem alten Zigarettenautomaten, als wolle der Raum selbst Teil der Aufführung werden. In dieser Mischung aus Zufall und Aufmerksamkeit entstand etwas, das man kaum beschreiben konnte – ein besonderer Moment des gemeinsamen Zuhörens.

Exyno am 23.06.2023 im Neuland e.V. Poster © Joram Schön

Claus Haxholm erklärte während seiner Performance:

»So this was the first part, and in this second part we will try to build a little space, inside this already really nice space and hopefully this will be comfortable for all of us and still sort of extend this little space here. It’s sort of structured as a little whispering game, luckily I have two friends helping me, and then we will sort of try to build this space that will change and probably not be the same for all of us. Then Sebastian… will you take this side? And Chris you take that side…«

Als die letzten Töne verklangen, blieb ein Gefühl von Ruhe und Staunen. Das Exyno war für einen Moment kein Café mehr, sondern ein Ort des Hörens, ein kleiner Zufluchtsort für unsere Musik.

Später, während der Vorbereitung eines anderen Projektraums, war das Café  immer wieder Thema. Wir wollten es einbeziehen, um den Zugang zur Nachbarschaft zu öffnen – mit Gesprächen, kleinen Konzerten, Begegnungen. Eine Veranstaltung mit Musiker:innen aus Osaka und Amsterdam war bereits geplant, alles war organisiert. Doch dann kam Claudias Nachricht: Sie musste schließen. Die Gründe lagen auf der Hand – steigende Mieten, Steuern, die Nachwirkungen der Pandemie, der Druck der Gentrifizierung. Wir hatten oft darüber gesprochen, über Wege, den Ort zu retten. Aber gegen die ökonomischen Kräfte konnte sie nichts ausrichten. Nach fünfzehn Jahren blieb ihr nur die Schließung. Zu Ehren des Cafés nannten wir eine Radiosendung und Konzertreihe nach dem Café. 

Sebastian von der Heide ist Multiinstrumentalist, Improvisator und Kurator im Bereich freier und experimenteller Musik. Seit 2012 veröffentlicht er Solo und in verschiedenen Formationen auf Labels wie Stenze Quo, Trii Musik, Sensorisk Verden, Tax Free und Stroom. Er trat er auf Festivals und Bühnen wie dem Intonal Festival, Meakusma, der Kaserne Basel, Kraak, Reihe M und dem Hanne Darboven Festival in Kopenhagen auf. 2022 gründete er das Label und Plattform Iriai Verlag. Darüber hinaus kuratiert er Konzerte und Ausstellungen und ist Teil des Teams der jährlichen Brückenmusik in Köln – einem Klangkunstfestival im resonanten Hohlraum der Deutzer Brücke.