Rosa, pink und weiß blüht der Lego-Bonsai auf dem Bodentisch in Andrés Quezadas Wohnzimmer. Er hat ihn von seiner Freundin bekommen und fand das „sehr cute.“
So richtig cute wird es aber im Boden des Pflanzentopfs: Da kuscheln sich kleine, runde Legosteine in grau, braun und beige zusammen. Sie stellen echte Steine dar und liegen einfach herum, anstatt – technisch möglich wäre das, es ist ja Lego – zu etwas verbaut zu werden. Entzückend, wie detailliert hier Realität simuliert wird. Am liebsten würde man jetzt eine Gießkanne holen und sich um das Plastikbäumchen kümmern.
Das wäre auch schon eine typisch cute Strategie, die das Kunststoffgewächs da anwendet: In seiner liebevollen, scheinbar harmlosen Inszenierung weckt es den Instinkt, dass man unbedingt für es sorgen will. Die Enttäuschung käme natürlich mit dem ersten Guss gleich mit in den Lego-Steingarten gesickert. Es ist ambivalent mit der Cuteness.
Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout grenzt „cute“ von nur scheinbar synonymen Begriffen wie „süß“ und „niedlich“ ab. Cute ist eben nicht harmlos, oberflächlich, kindlich – es kann mehr. Cuteness ist eine Strategie, die subversiv und selbstermächtigend eingesetzt werden kann. Auch im Spanischen gibt es solche Begriffs-Unterscheidungen, meint Andrés: „Tierno“ bedeute ungefähr das selbe wie das deutsche „süß“. Außerdem beschreibt es den Zustand eines Kuchens, den man etwas zu früh aus dem Backofen geholt hat. Mittlerweile ist „tierno“ allerdings selbst altbacken, in den letzten zehn Jahren wurde es im umgangssprachlichen Spanisch von den Wörtern „cute“ und „cutie“ verdrängt.

Seit 2017 betreibt der Chilene Andrés Quezada das Musiklabel Narval, zunächst gegründet, um die Musik seines Narval Orquesta zu veröffentlichen. 36 Releases und einen Umzug über Atlantik und Äquator später hat Narval mittlerweile ein digitales Genre-Etikett: „cute experimental music“. Eine Begriffskombi, die man so noch selten hört – aber im Untergrund des Bonsai-Gravel brodelt es zunehmend wahrnehmbar. Experimentelle Musik ist längst nicht nur Breitwand-Noise oder Synthese-Wissenschaft. (Tatsächlich erreichen Andrés viele Demos, für die er freundlich absagen muss, weil zu dark, zu noisig, zu schwer.) Wir überlegen, was cute Musik eigentlich ausmacht. Gar nicht so leicht. Okay, sie spielt sich wohl eher in höheren Frequenzbereichen als in den Bässen ab, klingt eher in Dur als in Moll. Aber mit analytischen Kategorien hat man sie nicht erfasst. „Wir erkennen cute Sounds, wenn wir sie hören!“, ist sich Andrés sicher. Er unterscheidet zwischen cutem Musik machen und cutem Hören. Letzteres habe mit Empathie zu tun – einer Empathie für jegliche Art von Sounds und Musik, sowie für die Person, die sie hervorbringt. Damit ist noch kein Urteil verbunden, das ist gar nicht so wichtig – es geht um die Offenheit, um ein Musikhören ohne Grenzen. Das hat wohl viel mit dem Internet zu tun, wo Pierre Boulez, Gabber und Matcha-Shopping Tab neben Tab koexistieren können. Andrés Quezada betrachtet diesen Normalzustand als cute Erfahrung. Er nennt es Inkohärenz und gibt ihr einen big hug. Damit kommen wir der Cuteness womöglich etwas auf die Schliche. Sie spielt bewusst mit Codes, etwa mit denen von „Girlieness“. Die Autorin Jovana Reisinger schwört auf die subversive Kraft der „Tussi“: Anstatt sich klischeehaften Geschlechter-Stereotypen zu verweigern, eignet sie sich Pink und High Heels performativ an, um dann mit feministischer Haltung und dem Scharfsinn, den man einer „Tussi“ nicht zutraut, zu überraschen. Eine Spezialform ist creepy-cute – der schmale Grat, an dem etwas oberflächlich Niedliches ins Unheimliche kippen kann. Man denke an großäugige Puppen in zahlreichen Horrorfilmen. Da verschieben sich die Machtverhältnisse schneller, als die Sonne untergeht.
Cuteness versteckt erstmal nichts – sie ist eine Ästhetik der Oberfläche. Was cute aussieht oder klingt, will auch cute sein. Sie gaukelt keine Tiefe vor, wie es manch prätentiöser Uraufführungs-Werktext tut. So kann die zweite Ebene, die sich hinter der flauschigen, glitzernden oder einfach netten Oberfläche verbirgt, umso besser wirken. Cuteness zwingt ihre Deepness nicht auf. Ein Gegenbeispiel dazu ist für Andrés Quezada – natürlich wertungsfrei – der anhaltende Trend zu durational performances, also extrem langen Musikstücken, die in einen tiefen meditativen Zustand versetzen sollen. Voll okay, aber nicht cute.
Und was ist nun cutes Musik machen? Ein rosa Faden, der sich durch das Narval-Universum durchzieht, ist Kürze in der Dauer. Manche Alben gehen nur eine Viertelstunde, der kürzeste Track auf Andrés Quezadas Tape „El Tamaño de las Cosas“ sogar nur zehn Sekunden. „Ein kurzes Album kann cute sein, weil es einem gar nicht die Zeit lässt, es ernst zu nehmen“, schmunzelt Andrés. Immer wieder spricht er von Verspieltheit. Das ist wohl tatsächlich die eine Kategorie, die alle Narval-Releases eint. Man findet sie bei uzumakivala, einer Geigerin, die in ihrem Nebenprojekt.

Soundtracks für non-existente Games produziert, und genauso bei den Digital-Assemblagen des Kölners Simon Bahr oder den Jazz-Pop-Elektronik-Überschwemmungen des Narval Orquesta. Die werden live übrigens manchmal mit Absicht so schnell gespielt, dass selbst die studierten Musiker:innen des Orquestra nicht mehr ganz hinterherkommen. Auch das findet Andrés ein cutes Konzert-Erlebnis. Jenseits von Kontrolle und Perfektion entsteht so eine andere Beziehung zwischen Künstler:innen und Publikum. Und wenn Cuteness eines ist, dann Beziehung. Cuteness stellt Nähe her, wo Coolness für Distanz sorgt. Wer cute ist, öffnet sich und macht sich verletzlich. Cuteness ist eine Ästhetik des Sich-Einlassens und der Zuwendung. Cute ist dann, wenn man sich auch um einen Lego-Bonsai kümmern will, der das eigentlich gar nicht braucht. Und wenn beim Steinchen-Zählen Boulez, Gabber und Fieldrecordings von Matcha-Zeremonien hintereinander laufen dürfen. Oder gleichzeitig. Oder doch einen Tag lang nur Metal, sonst wäre es doch zu kohärent.
2021 vollzog Andrés Quezada einen inkohärenten Sprung in seinem Leben. Statt behaglich mit 10 Freund:innen in einer Band in Chile zu spielen, studierte er plötzlich alleine Komposition in Köln. Creepy, but mittlerweile ziemlich cute. Sein Label Narval hat er aber mitgenommen. → sellonarval.bandcamp.com