NOIES MUSIK
SZENE NRW
Zeitung für neue und experimentelle Musik

gedanken über festivals: kölner festival für neue risiken

Aus Noies 03/25 Januar 2026

Festivals tragen dazu bei, dass lokale Szenen nicht zu stehenden Gewässern werden. Mit einem überregionalen Programm spülen sie neue Ideen und Formen in die Stadt, während die lokale Szene Zugang zu räumlichen, finanziellen und personellen Ressourcen bekommen kann, die im normalen Veranstaltungsbetrieb selten vorhanden sind. Schade, dass sich die Stadt Köln im Frühling mit Acht Brücken und Oluzayo von zwei ihrer Festivals für zeitgenössische Musik getrennt hat – und das ohne ein neues Format in Aussicht. Wir finden, Köln hat mehr verdient, und haben uns im Sommer 2025 in der Szene auf die Suche nach Ideen gemacht.
Aus Noies 03/25

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Rochus Aust
Rochus Aust (ARCM) ist ein deutscher Soundtronaut, Medien-Performer und Artist-Curator (LTK4) in Köln.

PLANSPIEL-FESTIVAL

struktur-kuratiert
zeit&finanz-demokratisch
inhalts-selbstbestimmt

Wenn wir es uns leisten wollen würden, den Bestand (sei er akademisch, DIYisch oder extraterrestrisch) nur als (kl)einen Teil der zur Verfügung stehenden (neuen) Musik zu betrachten, könnten wir vom anderen Teil sehr überrascht werden.

Werfen wir einen Betrag in den Ring: sagen wir 250k.
Werfen wir eine Zeitspanne dazu: sagen wir 75h.
Animieren wir ALLE Künstlerischen* unserer Stadt**, einmal etwas ihrer Meinung nach “N/neues“ beizusteuern.
Und versprechen wir ALLEN*, dass sie pro Kopf mit Zeit und Geld entlohnt werden, egal ob sie alleine präsentieren oder sich mit anderen zusammentun.

Was passiert?
Zunächst müssen sich die Künstlerischen entscheiden, in welche Dienste sie Ihren Kopf und ihre Zeit stellen möchten, denn jede:r kann ja nur einmal erscheinen. Danach werden sich sehr viele anmelden, solo und in Gruppen: sagen wir 1726 Musik-Menschen.
Legen wir die oben skizzierten Zahlen (250k, 75h) zu Grunde, so würde jede:r:m in unserem Planspiel-Festival 2,5 Minuten bei einem Betrag von 144,78 Euro zu Gute kommen.
Fairness halber müssen wir den Künstlerischen erklären, dass die 2,5 Minuten aus Auf-/Abbau/Spielzeit&Applaus bestehen und in den 144,78 Euro (sagen wir 40% für) Orga, Technik, Räume, PR, Webseite, Print, KSK, GEMA enthalten sind. Es bleiben = 86,91 Euro.
Ach ja, und dass die Zeiten ausgelost werden, man also durchaus nachmittags um 17.04h auf einer Bühne steht oder nachts um 04.17h.

Zwei Drittel werden sich wieder abmelden. Es bleiben: 575,33 Menschen. Daraus ergeben sich folgende Parameter: Bühnenzeit 7,51 Minuten und ein Honorar (abzgl. 40% ihnen zugute kommender Leistungen) von 260,87 Euro pro Kopf.
Sobald die Zeiten/Reihenfolgen ausgelost sind, meldet sich wiederum die Hälfte ab: Und plötzlich gibt es ein Zeitfenster von 15,02 Minuten bei einem Honorar von 521,45 Euro pro Kopf.

Natürlich bedarf es noch ein paar mehr Spielregeln, die Unfug vermeiden, aber die Prinzipien des Festivals berührt der Kleinkram nicht.

Denn egal, wie weit wir dieses Planspiel treiben, werden – neben den Neugierigen – die Ernsthaften und die von ihrer Arbeit Überzeugten dabeibleiben. Und wir erhalten ein Festival der Sichtbarkeiten, ohne Dünkel und ohne all zuviel Reproduktion.

*Einzelpersonen
**Welche Postleitzahlen vor dem jeweiligen „Köln“ stehen mögen, sei dahingestellt.

Rochus Aust. Foto: Jan Verbeek


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Sophie Emilie Beha
Sophie Emilie Beha ist Journalistin und Kuratorin. Sie entwickelte unter anderem das Festival “Houbara – Resonanzen Iran” und die Reihe “Rituals” im Stadtgarten.

Was wäre, wenn Köln sich einfach mal selbst ernst nähme? Nicht im Sinne von Kölschromantik, Standortmarketing oder Partizipation per Postkarte, sondern musikalisch. Zeitgenössisch. Und: neu. Denn während andere Städte Festivals gründen und damit Ränder markieren, Identitäten austarieren, befragen oder wenigstens ein Wochenende lang “irgendwas mit Gegenwart“ feiern, macht Köln: nichts. Oder besser gesagt – es schafft ab. Die Festivals Acht Brücken und Shalom, die internationale Akademie der Künste der Welt. Dabei entsteht bisher leider nicht, was möglich wäre, Platz für Neues, sondern: nichts.  

Dabei bräuchte Köln dringend ein Festival, das die sogenannte Neue Musik nicht als Denkmal, sondern als Denkform behandelt. Offen für andere Taktarten von Zeit, für intersektionale Gegenwarten, für Stimmen, die nicht vom Sockel, sondern aus der Seitenstraße kommen. Multiperspektivisch, neugierig, durchlässig.  

Wenn ich mir ein Festival für Köln ausdenken dürfte – und ich nehme mal an, das ist hier der Job – dann wäre es all das. Allerdings nicht absolut, sondern in ständiger Veränderung. Es würde an Orten passieren, die sonst dicht sind: Polizeiarchiv, Bäder, U-Bahn, Schatzkammer im Kölner Dom. In Räumen für Reibung, für Relevanz, für Streit ums Detail. 

Wer dabei sein will, kann wirklich zuhören, die Ohren groß wie Satellitenschüsseln werden lassen. So, wie ich es mir auch wünsche, wenn ich mit Zuhörer:innen, Musiker:innen und Team in meiner Konzertreihe “ritual“ gerade einmal im Monat vor jedem Konzert im Stadtgarten-Park spazieren gehe. Wir laufen in Stille, lauschen in die Umgebung hinein, die jedes Mal anders ist und dabei nie vorhersehbar. Für jeden Spaziergang gibt es eine eigene Höranweisung. Sie dient als Anleitung, Stütze und Leitplanke.  

Künstlerisch gäbe es keine Sparten, sondern nur Modi: zeremoniell, improvisiert, maschinell, mündlich, körperlich. Ein Kosmos aus Stimmungen, Störungen und Überraschungen. Und ja: mit Uraufführungen. Mit Kompositionsaufträgen. Aber nicht nur für die üblichen Spezls, die sich gegenseitig auf jedem zweiten Programmheftrücken zitieren. Keine Elitefütterung mit Fördermitteln. Sondern Aufträge an die Vielen, die bisher nicht (oft genug) gefragt wurden. 

Denn wenn Neue Musik heute noch eine Relevanz hat – und ich glaube: ja –, dann als Methode, mit der Welt anders umzugehen. Weniger als Repertoire, mehr als Risiko. Weniger als Kanon, mehr als kollektive Möglichkeit. Und vielleicht ist genau das das neue Festival: nicht größer, lauter, internationaler. Sondern: offener.

Sophie Emilie Beha. Foto: Sophia Hegewald


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Marlies Debacker
Die belgische Pianistin und Improvisationsmusikerin Marlies Debacker lebt in Köln und ist Gründungsmitglied des Trio Abstrakt.

Welche Voraussetzungen müsste ein Festival für Neue Musik erfüllen, um künstlerisch relevant und gesellschaftlich wirksam zu sein? Vielleicht lassen sich vier zentrale Aspekte benennen: hohe Programmqualität, lokale Verankerung, Diversität der Akteur:innen und eine mutige kuratorische Handschrift. 

Ein solches Festival sollte sich klar zur Neuen Musik bekennen und ein echtes Musikfestival sein. Es ist in erster Linie ein Angebot für Musikliebhaber:innen, und Mitglieder der Szene, die ein qualitativ hochwertiges Programm erwarten. Natürlich können auch Performance, Musiktheater oder Installationen Teil des Programms sein, vorausgesetzt, das Kurator:innenteam bringt die nötige Expertise mit. Nicht jedes Festival für Neue Musik muss ein “Alles-Festival“ sein; Köln muss herausfinden, welche Art von Festival es tatsächlich benötigt. Das Programm kann hierbei ein breites musikalisches Spektrum abdecken – von Moderne und Neuer Musik über Improvisationsmusik bis hin zu transkultureller, elektronischer Musik und Experimental Pop. Vielleicht könnte sich die Ausrichtung sogar von Ausgabe zu Ausgabe mit dem wechselnden Kurator:innenteam ändern. In einer Stadt wie Köln, mit ihrer lebendigen Szene und der Hochschule, gibt es zahlreiche hervorragende Ensembles, Kammermusikformationen, Solist:innen und Komponist:innen. Ein Festival sollte diese Aspekte reflektieren und die lokale Szene sowohl präsentieren als auch als Publikum gewinnen. 

Wenn Musiker:innen und Komponist:innen keine Möglichkeit sehen, sich beim Festival ihrer eigenen Stadt einzubringen, schwindet irgendwann das Interesse der Szene. Ein Festival könnte durch geschicktes “Matchmaking“ lokale mit internationaler Exzellenz verbinden und starke künstlerische sowie “audience development“-Synergien entwickeln.

Marlies Debacker. Foto: Rebecca ter Braak


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Kieran Kaul
Der DJ und Veranstalter Kieran Kaul ist Mitbetreiber des Labels SPA Recordings und Teil vom soyya, ein bis 2020 existierender Raum für Musik, Performance und Ausstellungen.

Persönlich würde ich mir ein Festival wünschen, dem es gelingt, verschiedene zeitgenössische Positionen und Disziplinen gleichermaßen abzubilden und einzubeziehen.
Dies kann u.a. von Neuer Musik über Clubkultur bis hin zu Performance, Tanz und anderen Interventionen reichen. Wünschenswert wäre es außerdem, wenn es gelingen könnte, einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen, in dem man beispielsweise akademische Konzepte sowie interessante subkulturelle Phänomene und Musikrichtungen nebeneinander kuratiert und denkt. Auch eine moderate Preisgestaltung kann besonders jungen und einkommensschwachen Menschen den Eintritt ermöglichen und so bestenfalls neue Perspektiven aufzeigen.

Ein neues Festival sollte sowohl innerhalb Kölns als auch überregional gut sichtbar sein. Die breitgefächerte, diverse Szene muss sich abgeholt und eingeladen fühlen, zu partizipieren und die Möglichkeit haben, eigene Projekte vorzustellen und auszuprobieren. Die Stadt sollte für ein solches Vorhaben neben den bestehenden Spielstätten auch Off-Locations und ungewöhnliche Orte zur temporären Nutzung freigeben, in denen immersive Gestaltungsmöglichkeiten denkbar sind.

Hinter dem Festival sollte idealerweise ein breitgefächertes Team unterschiedlichen Alters und Geschlechts mit verschiedenen Schwerpunkten stehen, welches offen ist für Vorschläge von außen und auch Dissens aushält.
Auch Akteur:innen aus der freien Szene sollten einbezogen werden, wobei diese auch darauf achten müssen, sich nicht vorrangig selbst eine Plattform zu bieten und mit dieser Doppelfunktion verantwortungsvoll umzugehen. Unter den real existierenden Bedingungen ist es nahezu unmöglich, egalitär zu agieren in Bezug auf Chancengleichheit, um in den vorrangig akademisch geprägten Kultur- und Förderbetrieb aufgenommen zu werden, aber man sollte versuchen, unterschiedlichen sozialen Milieus Teilhabe zu ermöglichen und Austausch auf Augenhöhe schaffen.

Ich denke, ein solches Projekt kann als Motor für Synergien bei der Vernetzung der lokalen und internationalen Szene fungieren. Der Musikstandort Köln würde meiner Einschätzung nach enorm von einem zeitgenössischen Festival profitieren, sofern dies auch politisch begriffen und entsprechend gefördert wird. Beispiele wie das Rewire Festival für elektronische und experimentelle Musik in Den Haag zeigen sehr schön, dass man auch außerhalb riesiger Metropolen ein solches Kulturprogramm erfolgreich etablieren kann.

Kieran Kaul. Foto: Nikolai Meierjohann


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Niklas Seidl
Niklas Seidl ist Cellist und Mitglied der Ensembles hand werk und mosaik.

Die Kölner Szene der Neuen Musik hat sich stets als einen der international wichtigsten Standorte der zeitgenössischen, westlichen Musik verstanden. Dadurch wurden viele Konzertreihen, Festivals und Projekte ermöglicht, die ein breites Spektrum an zeitgenössischer Musikkultur hervorbrachten. Acht Brücken als großer Spieler schaffte es, die zeitgenössische Musik zugänglicher für ein breites Publikum zu machen. Dort litt jedoch die freie Szene unter den Bedingungen und die Inhalte wurden konservativer und oberflächlicher. 

In der derzeitigen finanziellen Lage sehe ich zwar nicht, wie ein neues Festival in Köln verwirklicht werden kann, aber vielleicht gibt es ja trotzdem Menschen, derer es viele braucht, die mit viel Idealismus und dem Willen zur Kunst ein neues Format aufbauen können. Dafür würde ich mir vor allem Wünschen: Inhalt, Experiment und Radikalität. 

Derzeit werden mit Freude Inhalte und Bezüge zur Intellektualität mit der Begründung der Entfremdung von der Gesellschaft abgebaut. Dabei braucht eine plurale Gesellschaft ja gerade Experten* in allen Bereichen, die vorwärts forschen und kompromisslos Inhalte schaffen. Denn ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft, den es zu erhalten gilt, ist Wissen, Intellektualität und Experimentiergeist, gerade in der Kunst.  
Weitere Leute im Team sollten dann die Vermittlung und den Realitätsabgleich schaffen.  

Wir haben in der zeitgenössischen Musik nach wie vor den Auftrag, zu experimentieren und Grundlagen für kommende Generationen zu schaffen. Es gibt genug Plattformen für Musik, die Trends und kommerziellen Zielen hinterherrennen, darin sind wir auch einfach nicht so gut wie jene. Wir sollten uns aufs Erproben, Ausloten, Riskieren und Zulassen konzentrieren.  
Die Radikalität, derzeit durch politisch dumme Strömungen so in Verruf geraten, ist etwas der Kunst inhärentes, was sie interessant macht. Nur in der Kunst haben wir die Chance, radikal und kompromisslos zu sein, ohne Leben zu zerstören. In der Kunst können wir Theorien und Praktiken ausprobieren, um zu lernen, was sie für unser Leben zu bedeuten haben.  

Diese Freiheiten wünsche ich mir für ein Festival, denn es würde für die Region ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal jenseits des kommerziellen Drucks darstellen. Leider kann ich mir nicht vorstellen, dass man in dieser Stadt, die in Konservativismus, Klüngel, Lokalpatriotismus und katholischer Lebensweise versinkt, so etwas gestemmt kriegt, geschweige denn ein lokales Publikum dafür begeistern kann. Vielleicht, wenn es Freikölsch gibt. 

Niklas Seidl