Donnerstagabend in Wuppertal. Eine schwere Stahltreppe führt hinab ins Innere eines umgebauten Bunkerkomplexes aus Sichtbeton. Hier befindet sich das Open Ground, ein Club für elektronische Musik, der zuletzt für seine Raumakustik prämiert wurde. Das Soundsystem gilt als eines der präzisesten Europas. Ein guter Ort für ein Gespräch mit Lomi Hack und Marlon Wegmann, zwei der Gründer von BRUTALISM, die an diesem Abend im Open Ground ihr 10-jähriges Jubiläum feiern.
Denise Schmid
Woher kommt euer Name?
Lomi Hack
Wir haben ursprünglich Veranstaltungen unter einem anderen Namen in der Eifel organisiert, wo wir aufgewachsen sind. Irgendwann hat sich die Gelegenheit ergeben, etwas in Köln zu planen. Zu dieser Zeit gab es Facebook-Gruppen wie ”The Brutalism Appreciation Society“, die zur namensgebenden Inspiration wurde. Relativ am Anfang kam es dann auch zu einer Fügung, als uns über Soundcloud ein neuseeländischer Musikwissenschaftler anschrieb, der zu „sound-based Brutalism“ wissenschaftlich publiziert hat. Im Prinzip kein etabliertes Konzept, aber er hat damit eine Art Genrebegriff eingeführt und die Musik, die in diesem Artikel beispielhaft angeführt wurde, sprach uns an: Raster Noton, Ryoji Ikeda, auch Soundinstallationen – alles was repetitiv und glitchy klingt. Die ersten fünf Jahre haben wir vor allem Technoparties veranstaltet.
DS
Ist es für euch besonders wichtig, dass sich die Raumakustik mit der Musik verbinden lässt? Bei den letzten Events habt ihr oft die Bühnen umgestellt, Sound Equipment und Lichtquellen immer wieder neu positioniert, um die Raumerfahrung zu verändern.
Marlon Wegmann
Im Laufe unserer Konzertreihe in St. Gertrud hat sich der Umgang mit dem Raum stetig weiterentwickelt. Wir haben den Raum immer wieder neu bespielt und in Zusammenarbeit mit Nic Eßer (Planar) mit unterschiedlichen Sound- und Licht-Konzepten wie zum Beispiel einem Spatial Audio Set-Up aus 8 kreisförmig positionierten Lautsprechern ausgestattet. Dabei ging es uns weniger um eine feste technische Lösung, sondern um einen fortlaufenden Prozess: den Raum zunehmend als aktiven Teil der Konzerte zu begreifen. Über mehrere Veranstaltungen hinweg ist die Idee gewachsen, den Raum selbst wie ein Instrument zu behandeln. Unsere eigenen Sets haben sich parallel dazu verändert und sind in dieser Wechselwirkung entstanden. In diesem Zusammenhang war es uns auch wichtig, Künstler*innen einzuladen, die mit einem ähnlichen Ansatz arbeiten, wie z.B. Thomas Ankersmit.
DS
Mit otoakustischen Emissionen?
MW
Ja, genau. Raumresonanz, die im Ohr widerhallt. Er sucht immer bestimmte Frequenzen, um den Raum in Schwingungen zu versetzen.
LH
Das hat in der Kulturkirche St. Gertrud sehr gut mit den Fenstern funktioniert – mit den Metallverzinkungen, weil sie nicht bombenfest eingebaut sind. Sozusagen, um den Raum als Klangkörper zu nutzen.

DS
Ihr habt auch einmal eine Tanzperformance zu Maxime Denucs Orgelalbum “Nachthorn“ eingebunden und stellt regelmäßig zeitgenössische Kunst in der Krypta von St. Gertrud aus. Welche Funktion haben zusätzliche Räume für euch?
MW
Indem wir die Krypta auch als außergewöhnlichen Raum einbinden, versuchen wir, lokalen oder befreundeten Künstler:innen, die sich ausprobieren wollen, die Möglichkeit zu geben, etwas zu zeigen.
LH
Es steckt schon ein kuratorischer Ansatz dahinter, aber meistens sind es Leute, die wir direkt oder indirekt kennen, manchmal auch Empfehlungen. Es geht natürlich auch darum, etwas zu finden, was zu uns passt oder mit dem Raum gut funktioniert. Mittlerweile geht es bei den Konzerten auch mehr darum, den Raum in Szene zu setzen, der am Anfang eher eine Projektionsfäche unserer Ideen war. So haben wir zum Beispiel die Fläche hinter dem Altar oder die Decke mit ihren geometrischen Strukturen als Leinwand für Projektionen genutzt.
DS
Wie kam es dazu, dass ihr Gottfried Böhms Kirche St. Gertrud dafür ausgewählt habt?
MW
Über diverse Ambientfestivals wie “Zivilisation der Liebe“ wurden wir darauf aufmerksam. Wir waren ja nicht die ersten, die dort Veranstaltungen organisiert haben. Mit unserer ersten Idee sind wir dann auf die Organisator:innen zugegangen. Wir sehen unsere Arbeit auch nicht auf Sakralbauten limitiert – in Berlin haben wir z.B. moderne Betonarchitektur wie den Lobe Block von bplus.xyz genutzt. Für uns ist es spannend zu überlegen, wie Räume, alternativ genutzt werden können. Wir stellen uns häufig die Frage: Welche Musik passt in solche Räume?
DS
Wie lässt sich der Architekturbegriff auf eure Klanglandschaften übertragen?
LH
Für uns bezieht sich “Brutalismus’’ in erster Linie nicht nur auf Architektur, sondern beschreibt eher rohen Sound oder die Möglichkeit, Klang als Material zu betrachten. Man versucht, nicht unbedingt Harmonien und Rhythmen abzubilden, sondern stattdessen Klangformen oder Skulpturen zu schaffen, die eine Dreidimensionalität besitzen. Die Raumakustik versuchen wir dabei mit Lasern und natürlichem Lichteinfall der Fenster des Gebäudes zu untermalen. Am Anfang ging es mehr um den Begriff an sich, um den Namen zu rechtfertigen und sich auch ohne Architekturhintergrund damit zu befassen.
Wir wollen nicht nur Künstler:innen buchen, sondern einen eigenen Anspruch entwickeln: Jungen Leuten, die aus dem Clubkontext stammen, aber auch ambientlastig oder elektroakustisch unterwegs sind bzw. experimentell arbeiten, ein Forum bieten. Es ist interessant zu sehen, wie wir uns in diesem Forschungsprozess auch immer wieder selbst neu erfinden.
DS
Wie setzt sich euer Team zusammen? Aus welchen Bereichen kommt ihr und wie ergänzt sich diese Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten?
LH
Unser Team besteht aus vier Personen mit unterschiedlichen Hintergründen, die eine gemeinsame Faszination für elektronische Musik verbindet. Drei von uns – Dornen aka Marlon, Lomi und Max aka Måtyrer – sind gemeinsam zur Schule gegangen und durch eine langjährige Freundschaft miteinander verbunden. Mariami stammt aus Tbilisi und ist bis heute eng mit der Stadt und ihrer Kultur verbunden. Ihre künstlerische Arbeit ist stark von georgischen Einflüssen geprägt. Seit 2021 ist sie Teil des Labels, was ihre ästhetische und konzeptionelle Arbeit zusätzlich beeinflusst. Gerade die unterschiedlichen Perspektiven, Freundschaften, kulturellen Einflüsse und individuellen künstlerischen Erfahrungen ergänzen sich in unserer Zusammenarbeit, während uns ein gemeinsames Verständnis für Musik und kreative Visionen verbindet.

DS
Welche Orte in NRW habt ihr bereits bespielt und welche stehen noch auf der Agenda?
LH
In NRW haben wir unter anderem die Kirchen St. Gertrud und Hl. Johannes XXIII, den Astropeiler Stockert, die Zeche Alter Fritz sowie diverse Clubs, Galerien und Off-Spaces bespielt. Auf unserer Agenda stehen weitere brutalistische Bauten, aber auch moderne Architektur und Clubs.
DS
Gab es besondere Momente während der Reihen, die für euren persönlichen Zugang zu Sound ausschlaggebend waren?
MW
Ein prägender Moment war mit Sicherheit die erste größere Veranstaltung in St. Gertrud, als wir das erste Mal die Architektur im Zusammenspiel mit der Musik erlebt haben. Auch Veranstaltungen in Clubs wie dem Kölner Gewölbe oder dem Open Ground in Wuppertal stechen regelmäßig heraus, da es kaum Orte gibt, an denen sich Sound in so starker Intensität wahrnehmen lässt. Ein anderer Moment war unsere Residency am Astropeiler Stockert: Das Radioteleskop liegt nicht weit von dem Ort entfernt, an dem Lomi, Måtyrer und ich gemeinsam aufgewachsen sind. Ein Ort, wo noch immer wissenschaftliche Messungen durchgeführt werden. Unser Aufenthalt dort hat uns erneut vor Augen geführt, wie eng Klang und Struktur mit unserem musikalischen Werdegang sowie Elementen unserer persönlichen Herkunft verwoben sind.
DS
Was habt ihr während eurer Residency am Astropeiler genau gemacht?
LH
Bei der Residency am Astropeiler Stockert in der Eifel haben wir uns intensiv mit sonifizierten Daten von Pulsarsternen auseinandergesetzt, die dort, im ersten Radioteleskop Deutschlands aus den 1950er Jahren, bis heute gemessen werden. Gemeinsam mit Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten, die wir dorthin eingeladen haben, arbeiteten wir mit Klängen historischer Messinstrumente, der Umgebung und des Gebäudes. Diese Arbeit ist teilweise direkt in unser zweites Album „A Sudden Burst Of Noise“ eingeflossen, das am 27.03.26 auf Vinyl erscheint.

DS
Wie wollt ihr euch in Zukunft konzeptuell positionieren?
MW
Wir möchten BRUTALISM als Plattform etablieren, die Architektur, elektronische Musik und Clubkultur nicht getrennt, sondern zusammenhängend versteht. Zukünftig wird der Schwerpunkt neben Konzerten und Clubnächten vermehrt auf ortsspezifischen Arbeiten, Raumklangformaten und interdisziplinären Kooperationen liegen – auch international. Parallel dazu wollen wir unseren Labelkatalog mit Veröffentlichungen von eigenen und externen Künstler:innen weiter ausbauen.
DS
Habt ihr eine “konkrete“ Vorstellung, wie ein fiktiver Raum aussehen würde, der all eure Kriterien von Klang, Ästhetik und Raumresonanz erfüllt?
LH
Unser fiktiver Raum wäre ein brutalistischer Bau, der zugleich als Club funktionieren kann – ein roher, skulpturaler Betonhohlkörper mit klarer Geometrie und einem Grundriss, der Raumerfahrung ebenso lenkt wie den Klang. Die Akustik wäre so ausgelegt, dass sowohl fein abgestimmte Liveperformances als auch Techno-Clubsets ihre Wirkung entfalten.