NOIES MUSIK
SZENE NRW
Zeitung für neue und experimentelle Musik

gespräch mit gregor hotz: einmischen, verbindung suchen

Aus Noies 01/26 August 2026

Seit Anfang 2026 ist Gregor Hotz neuer geschäftsführender Intendant beim Kölner Ensemble Musikfabrik und ließ dafür seinen Job beim Musik- fonds in Berlin hinter sich. Zum Einstand traf ihn Friedemann Dupelius auf ein Gespräch über neue geographische Perspektiven, künstlerische Zukunftspläne und Solidarität im kulturpolitischen Dilemma.
Aus Noies 01/26

1.

Relevanzmonitor Kultur 2025: Stellenwert von Kulturangeboten in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen bundesweiten Bevölkerungsbefragung. Durchgeführt von forsa, herausgegeben von der Liz Mohn Stiftung, Gütersloh 2025.

Dieser Beitrag erschien in der NOIES 01/26 (VÖ: 15.02.2026)
Interview: Friedemann Dupelius


Friedemann Dupelius
Willkommen in Köln, Gregor! Wie kam dein Wechsel zur Musikfabrik zustande?


Gregor Hotz
Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ich den Job beim Musikfonds nicht länger als zehn Jahre machen möchte. In letzter Zeit hat sich das Gefühl verstärkt, dass der Abschied näher rückt. Nach 30 Jahren in Berlin hatte ich auch Lust, mal wieder etwas Neues zu sehen. Und dann kam die Ausschreibung der Musikfabrik…

FD
An welchem Punkt treffen du und die Musikfabrik jetzt aufeinander?

GH
Diese Frage würde natürlich jedes Mitglied individuell beantworten. Ich spüre aber deutlich, dass das Ensemble Lust hat, gemeinsam wieder mehr an größeren Produktionen zu arbeiten. Und es gibt den Wunsch nach mehr internationalen Auftritten – was natürlich nicht einfach ist, es gibt viel Konkurrenz. Ich nehme jedenfalls eine starke Energie im Ensemble wahr, im Kollektiv Dinge auf die Beine zu stellen.

FD
Was könnte so eine größere Produktion sein? Ab wann ist ein Projekt »groß«?

GH
Mit »groß« sind vor allem Projekte gemeint, die man nicht aus einer Quelle finanzieren kann, wo es Partner braucht – andere Häuser etwa, die Lust auf eine Co-Produktion haben. Das kann dann eine Kollaboration mit Tanz oder Schauspiel sein, ein Musiktheater, performative Settings oder etwas im Kontext Architektur. »Groß« würde auch heißen, dass man die Produktion als gesamtes Ensemble macht. Es gibt ja so eine ökonomische Zersplitterungstendenz. Man fährt nicht mehr so oft mit allen 15 Musiker:innen zu einem Festival nach Wien – dann reist eben nur das Brass-Quartett an. Ich möchte außerdem Ideen entwickeln, die das klassische Setting des Konzertsaals verlassen – Synergien schaffen zu Initiativen jenseits der Musik, die gesellschaftlich ebenso wichtige Arbeit verrichten: Projekte mit Geflüchteten, Senior:innen, Kindern und Jugendlichen.

Gregor Hotz © Victoria Alexandrova

FD
Wie hast du Köln und seine Musikszene – oder besser: Musikszenen – in der Vergangenheit von außen wahrgenommen? Welche Berührungspunkte gab es? Und wie verschärft sich dieser Blick jetzt?

GH
Als mein Wechsel zur Musikfabrik bekannt wurde, haben mich verschiedene Leute aus Köln angesprochen: Wie, du ziehst von Berlin nach Köln? Scheinbar haben viele Kölner:innen den Eindruck, hier wolle eigentlich gar niemand herkommen. Michael Beil (Professor für elektronische Komposition an der HfMT Köln, d.Red.) hat mir erzählt, dass bis zur Wende eigentlich alle in Köln gesessen seien – hier war der Schmelztiegel der zeitgenössischen Musik in der alten Bundesrepublik. Hier ist historisch viel geschehen, das schwingt schon in vielen Gesprächen mit. Mein erster Berührungspunkt mit Köln war übrigens a-Musik. Da konnte ich Parallelen zu dem ziehen, was wir mit der Echtzeitmusik in Berlin gemacht haben – das war weder institutionalisierte Hochkultur noch Pop.

Im Vergleich zu Berlin reizt mich die andere europäische Perspektive hier: Paris ist näher als Berlin, Brüssel sehr gut erreichbar. Auch wenn ich noch nicht viel Detailwissen habe – es funktioniert in Köln doch etwas anders als in Berlin. In meiner Zeit beim Musikfonds habe ich mir NRW etwas erschlossen, wobei mein Fokus schon stark auf Köln lag. Ich konnte die Szenen der Stadt besser kennen lernen, auch die jüngeren Ensembles wie hand werk oder garage, oder auch Musiker:innen aus der Jazz-Szene rund um den Stadtgarten. Über die Musikfonds-Sonderjury für Projekte aus Corona-Hilfen habe ich dann Meryem Erkuş kennen gelernt, die mir nochmal ein anderes Köln offenbart hat – ich war diesen Sommer zum ersten Mal im neuen Kulturhof Kalk. Das hat mich an Berlin in den 90er-Jahren erinnert. Da gab es ähnlich große Freiflächen und die Frage: Wird das alles kommerziell entwickelt, oder gibt es die Möglichkeit für kulturelle Freiräume?

FD
Du hast ja viel Erfahrung in der freien Szene. Wie kannst du die bei der Musikfabrik einbringen, wie kann sie davon profitieren?

GH
Die Musikfabrik hat natürlich einerseits eine akademische Geschichte, sie besteht aus top studierten Musiker:innen und arbeitet mit ebenso akademischen ausgebildeten Komponist:innen zusammen. Auf der einen Seite ist da also dieser elitäre Kunstbetrieb, wenn man so will. Gleichzeitig empfinde ich die Musiker:innen aber auch als total offen in Hinblick auf Dinge aus der Subkultur oder ganz generell aus der nicht-akademischen Welt. Eine unserer Aufgaben wird sein, Wege der Verbindung zu suchen. Ich finde es interessant, wenn es beides gibt: Repertoire-Pflege der klassischen neuen Musik – da hat die Musikfabrik einfach eine riesige Expertise über die Jahrzehnte entwickelt. Und gleichzeitig geht es darum, mit den eigenen Inhalten den Anschluss an die Gesellschaft nicht zu verlieren – also all die Menschen, die nicht dieses Spezialinteresse für neue Musik pflegen. Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass die Musikfabrik auch in Köln noch bekannter werden würde.

FD
Wie könnte man das erreichen?

GH
Indem man etwas macht, das einlädt und weniger Hürden hat. Wo man nicht überlegen muss, was man anzieht oder wie man sich richtig benimmt – wo es einfach etwas lockerer ist. Eine schöne Initiative ist auch das Kölner Chaos Orchester, das 2025 aus der Musikfabrik heraus entstanden ist. Das ist ein offenes Orchester, in dem alle mitspielen können, unabhängig von musikalischen Vorkenntnissen.

FD
Welche Aufgaben hast du als geschäftsführender Intendant? Und wie stellst du dir einen gelingenden Arbeitsprozess mit dem Ensemble vor?

GH
Ich bin vor allem künstlerischer Leiter, aber auch für die Geschäfte verantwortlich. Das heißt aber nicht, dass ich den Musiker:innen einfach Konzepte vorsetze. Bei der Musikfabrik gibt es ja einen künstlerischen Vorstand, der aus drei Ensemble-Mitgliedern besteht. Mit dem gibt es einen regelmäßigen Jour fixe, und ab einem bestimmten Punkt geht die Diskussion dann ins Ensemble über und man spinnt den Faden im Dialog weiter. Diese kollektive Form des Arbeitens ist für mich wichtig. Bei größeren Projekten kommt dann natürlich auch die Produktionsebene in Form unserer Projektmanager:innen ins Spiel.

FD
Die Musikfabrik wurde 1990 gegründet und gehört somit zu der frühen Generation an Spezial-Ensembles für neue Musik in Deutschland. Neben dem Ensemble Modern und dem Ensemble Recherche gab es damals nicht viel. Das sieht heute ganz anders aus. Mehr Ensembles bedeuten aber auch mehr Konkurrenz um Gelder. Zugleich hat sich die Musikfabrik finanziell und strukturell etabliert und verfügt über mehr Möglichkeiten als die meisten Ensembles. Wie navigiert man in dieser Landschaft?

GH
Wir haben eine stabile Förderung und hervorragende Produktionsbedingungen im Mediapark, gewachsene Strukturen auch in Management und Verwaltung. Gleichzeitig drängen immer neue, junge Ensembles auf den Markt, die auch unterstützt werden sollten. Die Frage ist, ob es in diesem Nischenmarkt genug Futter für alle Akteur:innen gibt – und natürlich existiert ein Konkurrenzkampf. Mir ist wichtig, dass man dabei solidarisch bleibt. Ich kann mir vorstellen, dass andere Ensembles der freien Szene, die weniger Förderung erhalten als die Musikfabrik, genau beobachten, was wir aus unserer Förderung machen. Im Vergleich zu ‚richtigen‘ Institutionen wie Oper oder Schauspiel sind wir wiederum klein. Wir bewegen uns also in einem Zwischenraum, in dem man viel Feingespür in der täglichen Kommunikation mit den Kolleg:innen braucht. Das birgt aber auch Potential – wir haben Anschlussmöglichkeiten in beide Richtungen.

FD
Wie kann man denn solidarisch mit den Kleineren sein?

GH
Man kann die eigene Infrastruktur öffnen und großzügig damit umgehen. Wir können sagen: Unser Haus ist prinzipiell offen – wenn ihr etwas braucht, kommt auf uns zu, dann schauen wir, was möglich ist! Ich würde mich freuen, wenn unser Haus im Mediapark in ein paar Jahren als ein Ort wahrgenommen wird, der auch der weniger geförderten freien Szene offensteht. Grundsätzlich müssen wir als gesamte Szene mehr zusammenhalten, um in den kommenden Jahren durch die kulturpolitischen Tendenzen nicht alle unter den Teppich gekehrt zu werden.

FD
Wichtiger Punkt! Egal ob Bund, Länder oder Kommunen – die Kassen werden knapper, überall wird an der Kultur gespart. Inwiefern trifft das die Musikfabrik, die ja als Landesensemble NRW gilt? Wie sattelfest ist diese Förderung?

GH
Wir werden institutionell gefördert, aber die Zuwendung muss jährlich neu beantragt werden. Ich werde mich aktiv darum kümmern, dass diese finanzielle Basis auch in den nächsten Jahren erhalten bleibt und nicht wegzubröckeln beginnt. Die Gefahr ist natürlich aufgrund allgemeiner Sparzwänge da. Da müssen wir auch mit der Musikfabrik etwas mehr unternehmen. Zum Beispiel versuchen wir, eine Finanzierungslücke für unsere seit 2003 bestehende Reihe im WDR zu schließen.

FD
Einfacher wird es sicher nicht in den nächsten Jahren für die freien Szenen und für die Kultur allgemein. Bist du bereit, die anstehenden Kämpfe zu führen?

GH
Auf jeden Fall! Ich werde mich gerne einmischen und versuchen, positiv zur Lösungssuche beizutragen und Synergien zu schaffen. Eine beständige Förderung ist die Bedingung für kulturelles Angebot. Kultur gehört zu einer vielfältigen Gesellschaft einfach dazu und es gibt viele Menschen, die sie brauchen. Kultur sollte nicht bloß den Status einer freiwilligen Leistung haben, wie das derzeit der Fall ist. Wenn die öffentlichen Kassen knapper werden, wird es natürlich schwieriger – aber ich bin jetzt seit 30 Jahren dabei, das kommt in Zyklen immer wieder. Ich glaube schon, dass es irgendwann zum gesellschaftlichen Selbstverständnis gehören kann, dass Kulturförderung wichtig ist. Darauf deutet auch eine aktuelle Umfrage unter zufällig ausgewählten Personen hin¹.

Gregor Hotz zog 1994 von Zürich nach Berlin. Dort war er in verschiedenen Rollen in der freien Szene umtriebig und war unter anderem Mitbegründer des ausland, einem unabhängigen Veranstaltungsraum für experimentelle Musik und andere Künste. 2017 wurde er Geschäftsführer des Musikfonds. Nach Selbstauskunft lebt er jetzt zum ersten Mal in Westdeutschland.