Verena Hahn
Wenn ihr Musiker:innen für das Raketenfestival beauftragt, wie klingt dann bei euch die Anfrage?
Stefan Schneider, Miki Yui
Seit der ersten Ausgabe war es uns wichtig, ein unverwechselbares Festivalformat mit einem vielfältigen, genre- und generationsübergreifenden Programm zu gestalten. Als wir 2021 von der Raketenstation eingeladen wurden, dort ein Festival für Klangkunst und experimentelle Musik zu programmieren, wollten wir die Veranstaltungen eng im Zusammenhang zu den außergewöhnlichen architektonischen und landschaftlichen Gegebenheiten des einzigartigen Geländes entwickeln.
Wir würden jedoch sagen, dass wir Musiker:innen zu dem Festival eher einladen und sie nicht beauftragen. Wir versuchen allerdings auch, neue Zusammenarbeiten anzuregen, die es vorher noch nicht gegeben hat. So gab es z. B. im Juni 2024 die wunderbare Trio-Konstellation von Sven Åke Johansson mit Florian Bräunlich und Carina Khorkhordina oder jetzt das Duo von Mariá Portugal und Jan Jelinek. Wir sind mit vielen Musiker:innen, die auf dem Festival auftreten, bereits länger bekannt und so fallen die Einladungen sehr persönlich aus.

VH
Im Programm gibt es viele Spuren von Dingen oder Material, die auch außerhalb der künstlerischen Verwendung existieren: Samples und Field Recordings, Agavenblätter oder Tischtennisbälle, die zu Klangerzeugern werden, oder Tsukumogami, ein japanischer Begriff für beseelte Dinge. Welche künstlerischen Herangehensweisen interessieren euch, wenn ihr ein Programm für die Raketenstation entwickelt?
SS, MY
Das liegt einerseits an dem Gelände der Raketenstation, das Konzerte mit speziellen Klangerzeugungen möglich macht. Durch die Nähe zu den Wiesen und Gärten auf dem Gelände ist uns daran gelegen, diesen Zusammenhang zur Natur auch in den musikalischen Beiträgen zu reflektieren. Außerdem interessieren uns auch solche musikalischen Herangehensweisen sehr, wenn zur Klangerzeugung eben auch Gegenstände verwendet werden, die ursprünglich nicht dafür konstruiert worden sind.
Wir haben dieses Jahr erstmalig eine Kooperation mit der Kunsthalle Düsseldorf, die mit ihrem Programm »Kunsthalle Unterwegs« Ausstellungen und Installationen in Düsseldorf und Umland veranstaltet. Die Künstlerin Antonia Alessia Virginia Beeskow wurde von der Kunsthalle für eine Klanginstallation vorgeschlagen, die den Titel »Tsukumogami« trägt. »Tsukumogami« verweist auf die japanische Tradition der vergessenen, beseelten Gegenstände, die als Yōkai (dt. Geister) zum Leben erwachen.
VH
Die Programmpunkte finden draußen oder in architektonisch besonderen Räumen statt. Auf welche Möglichkeiten und Herausforderungen treffen die Musiker:innen auf der Raketenstation?
SS, MY
Wir haben uns gleich vor dem ersten Raketenfestival vorgenommen, das Gelände der Raketenstation so anzunehmen, wie es ist. Das heißt, es wird nicht zu einer Venue für ein Musikfestival umgebaut, mit Bühnen, Beleuchtung, Security, Merchandise usw. Wir überlegen im Vorfeld genau, welche musikalischen Beiträge zu welchem Ort auf dem Gelände passen könnten. Es gibt ja die Möglichkeit, draußen zu spielen, und die Innenräume sind alle so verschieden und speziell, dass es in der Tat eine Herausforderung ist, diese auch gut zu nutzen. Wir bieten auch Besichtigungen des Geländes an, sodass die Musiker:innen die Möglichkeit haben, sich einen geeigneten Ort für ihre Arbeit auszusuchen, der dann auch zu einer ganz neuen musikalischen Arbeit führen kann.

VH
In eurem Programm gibt es keine Überlappungen, zwischen den Konzerten gibt es Pausen. Welche Art von Hörerlebnis möchtet ihr euren Besucher:innen anbieten?
SS, MY
Wir kennen es selber als Festivalgänger, dass es meist nervt, wenn sich Konzerte zeitlich überlappen. Dann entsteht oft dieser Druck, alles sehen zu wollen und die ganze Zeit hin– und herzulaufen, um möglichst nichts zu verpassen. Das wollten wir klar vermeiden und haben daher das Programm reduziert. Wichtig ist uns, dass das Festival auch ein öffentlicher Ort der direkten Begegnung ist. Wenn die Leute keine Lust auf ein Konzert haben, können sie sich auf die Wiese setzen und sich unterhalten, mit den Kindern spielen oder auf dem Gelände spazieren gehen. Das ist vielleicht das, was Karl-Heinrich Müller, der Gründer der Raketenstation, damit meinte, dass der Ort ein Versuch ist, zu neuen Formen des Zusammenlebens zu finden.
VH
Ihr seid nicht nur Festival-Organisator:innen, sondern selbst Musiker:innen. Wie beeinflusst eure Erfahrung aus der künstlerischen Arbeit eure organisatorisch-kuratorische Vorgehensweise?
SS, MY
Es hilft uns sehr, beide Perspektiven zu kennen und sie bestimmen sicher auch den Charakter des Festivals. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wo organisatorische Lücken im Ablauf entstehen können und auch, dass sich mit einer guten Küche für alle beteiligten Musiker:innen, Techniker:innen, Volontäre etc. eine gemeinschaftliche Zufriedenheit im Team herstellen lässt. Uns gibt das Festival auch die Möglichkeit, Musiker:innen einzuladen, die wir noch nicht persönlich kennen, aber deren Arbeit wir sehr bewundern. Das war 2024 bei Mary Jane Leach der Fall und dieses Jahr bei Valby Vokalgruppe. Unser Wunsch ist es, experimentelle Musik einem Publikum zugänglich zu machen, das normalerweise nicht mit ihr in Berührung kommt, und die Lust am Entdecken zu wecken. Sowohl als Musiker als auch als Zuhörer wissen wir, dass experimentelle Musik faszinierend ist und Fragen aufwirft, über die ich zuvor nicht nachgedacht habe. Dieses Erlebnis stellt sich jedoch nur ein, wenn die Musik bestimmte Qualitätsansprüche erfüllt.

Mit Konzerten von Charles Hayward, Valby Vokalgruppe, Rie Nakajima & Pierre Berthet u.a. findet das Hombroich : Raketenfestival am 13. September in Neuss statt. Weitere Infos unter → raketenfestival.com