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gespräch mit simon rummel: eigentlich ist orgel gebastel

Aus Noies 04/25 März 2026

Der Komponist, Improvisationsmusiker und Klangkünstler Simon Rummel spricht mit Roman Pfeifer über seine Faszination für Mikrotonalität, experimentellen Instrumentenbau, Harmonika und Orgel, Safttüten und Schiffe sowie seine Beschäftigung mit Zungen, Holz und Wind im Spannungsfeld zwischen Basteln, Handwerk und Perfektionismus.
Harmonielehre, eine selbstgebaute Orgel von Simon Rummel. Foto: Simon Rummel
Aus Noies 04/25

Roman Pfeifer
Du hast von zwei Typen von Instrumenten in deiner Arbeit gesprochen. Kompositionen in Form von Instrumenten und spezielle Instrumente für Kompositionen. Wie hast du damit begonnen? 

Simon Rummel
Ausgangspunkt war, dass ich hier und da mikrotonale Musik gehört habe, die mich sehr fasziniert hat. Einerseits sind es die Klänge, die man entdecken kann, und andererseits, dass man bestimmten mathematischen Projektionen hinterherhören kann. Was bewahrheitet sich da? Dann brauchst du natürlich Klangquellen, die das einigermaßen zuverlässig reproduzieren können. Die erste Idee war, das mit Gläsern zu machen.

RP 
Hat das auch damit zu tun, dass du viel mit Amateurchören arbeitest und Gläser relativ leicht zu spielen sind?

SR 
In Amateurchören sind oft sehr interessierte Leute. Und auch die Lust an der Menge, dass du bei 20, 30 Gläsern dieses Amalgam aus Klang, in dem du auch drin stehst, gar nicht mehr auseinanderkriegst.

RP 
In diese Richtung geht auch dein Harmonium, bei dem einzelne Pfeifen in Safttüten stecken.

SR 
Ich hatte angefangen, eine Harmonika zu bauen. Oxana Omelchuck zeigte mir dann Spieluhren, die sie mit Magneten präpariert hatte. Dann kam mir die Idee, dass man das vielleicht auch mit Harmoniumzungen machen kann. Man legt einen Magneten auf eine Zunge. Wenn man diese hin und her schiebt, kann man sie in einem gewissen Umfang verstimmen. Dann habe ich einzelne Module gebaut: Röhren, in die du eine solche Zunge hineinschieben kannst, sowie einen verstellbaren Pfropfen, da du auch einen entsprechenden Resonanzraum benötigst. 

Die Safttüten waren so eine Art Vorbereitung. Natürlich spielte auch die Optik eine Rolle, weil das jeder kennt und es ein bisschen lustig ist. Letztendlich habe ich mich aber für die technische Lösung entschieden: Wasserrohre aus dem Baumarkt. Durch die Zwischenverbindungen, an denen die Rohre hängen, erhält das Ganze noch einen räumlichen Aspekt. Wenn man darunter sitzt und spielt, kommt der Klang von allen möglichen Orten. Ich habe einen Spieltisch gebaut, um es mit einer Klaviatur zu bedienen.

Harmonika aus Safttüten. Foto: Kazuo Fukunaga

RP 
Ist dieser Spieltisch des Harmoniums nur ein Interface in Form einer Klaviatur, oder weißt du anhand des Griffs, welches Intervall herauskommt?

SR 
Das ist nur ein Interface, es sind auch nicht zwölf Töne pro Oktave. Wenn du jetzt jemanden Neues daran setzt, wird er erst einmal gar nichts verstehen. Die Partituren haben immer eine Klangnotation und darunter eine Griffnotation. Aber die Töne kannst du sehr genau einstellen und einen solchen Ton kannst du dann in ein Ensemble eingeben, das ihn dann abnimmt. Das geht natürlich alles eher langsam, was mir aber entgegenkommt.

RP 
Und daraus hat sich dann das größere Harmonium entwickelt?

SR 
Ich war 2018 in Japan. Ich wollte ein Dialoginstrument für eine japanische Mundorgel, eine Sho, bauen. Passend dazu habe ich 17 Röhren gebaut und gemerkt, dass ich gerne eine Bedienhilfe hätte. Also habe ich eine Klaviatur mit einer kleinen Balganlage konstruiert. Das hat zwar funktioniert, war aber viel zu klein dimensioniert, sodass ich das jetzt noch einmal gebaut habe. 

RP 
Man kann aus den unterschiedlichsten Quellen etwas über Instrumente lernen, indem man sich mit Akustik befasst, Instrumente studiert und sich mit instrumentaler Praxis auseinandersetzt. Gibt es Dinge, die du über das Harmonium gelernt hast, weil du eines gebaut hast?

SR
Beim Harmonium habe ich den eigentlichen Klangerzeuger ja vorgefunden und wiederverwendet. Man muss sehen, dass ich das bei der Orgel zum Beispiel nicht so gemacht habe, sondern da habe ich die Pfeifen selbst gebaut. Dabei lernst du richtig viel. Beim Harmonium sind es am Ende triviale Dinge, die du auch nachlesen oder durch eigenes Nachdenken herausfinden kannst. 

Mir war beispielsweise überhaupt nicht klar, dass man passende Resonanzräume braucht. Ich habe mit diesen kleinen Getränkepäckchen herumprobiert und immer wieder festgestellt, dass manche nicht funktionieren. Es hat aber ziemlich lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass es daran liegt, dass die Größen nicht passen. Jetzt kannst du den Resonanzraum jeder Röhre individuell einstellen.

Du bekommst dadurch ein ganz anderes Gefühl dafür, dass zum Beispiel in einem Klavier hunderte Jahre Entwicklung stecken. Du betrachtest alte Bücher, in denen es Vorformen gibt, aber das wurde alles benutzt. Wofür sind Zwischenlösungen gut? Wie schwierig ist es, gute Instrumente weiterzuentwickeln und zu reproduzieren? 

Auch Luft, Ventile und Geräuschhaftigkeit sind interessant. Eine Zeit lang denkst du: „Du musst es so hinkriegen, dass du den Balg nicht mehr hörst.” Bis du feststellst: Wenn ich jetzt an einem normalen Harmonium sitze, höre ich den Balg auch. Ich habe nur nie darauf geachtet.

RP 
Du hast ja am Anfang gesagt, dass es auch mit Mikrotonalität zu tun hat. Wie weit ist für dich das Stimmen eine Sache, die vom Gehör geleitet ist oder eine mathematische Projektion?

SR 
Wenn die Instrumente nicht die Komposition selbst sind, sondern wenn es darum geht, dass man damit Töne erzeugen kann, die man sich vorher überlegt hat, dann stellt sich die Frage: Wie präzise muss das sein? Ich habe versucht, mir diese Klänge vorzustellen. Das ist natürlich nicht möglich. Es ist ein Spiel zwischen dem, was ich noch nicht kenne, aber eigentlich will ich es mir auch vorstellen können. Und irgendwie geht das nicht. Das ist ein sehr schwieriges, aber auch ein gutes Problem, weil es ein Lebensproblem ist. Du möchtest dir dein Leben so vorstellen, wie du es gerne haben möchtest, gleichzeitig soll es dich aber auch überraschen. Wie soll das gehen?

Und das ist beim Schreiben ja genau das Gleiche. Das heißt, ich habe mir etwas überlegt und bin dann mit dieser Idee zum Instrument gegangen. Ich habe mir ein Harmonium hingestellt, das gut gestimmt ist. Und dann hatte ich noch einen um einen Viertelton verschobenen Synthesizer und ein Casio-Keyboard, das du werksmäßig umstimmen kannst. Außerdem hatte ich noch ein Glockenspiel und ein paar Triangeln. Und dann saß ich da so inmitten dieses Instrumentariums mit meiner ausgedachten Partitur, in der es um Oberton- und Untertonverhältnisse ging.

Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert und angefangen, an den Einstellungen zu schrauben. Durch das Rumprobieren kommt man an Punkte, an denen man merkt, dass man nur eine Schwebung ein paar Hertz tiefer hinzufügt und schon hebt der Klang ab, ohne dass du dir das erklären kannst. 

RP
Das heißt, es wird zwar mathematisch spekuliert, aber letztendlich haben die Praxis und die Ohren das letzte Wort, nach dem Motto: „Ist mir jetzt egal, was da in der Tabelle steht, das muss jetzt tiefer, damit meine Terz stimmt.“

SR
Es kommt natürlich auf das Stück an. Man möchte gerne unglaublich komplex sein, aber ich finde, dass sich bereits an kleineren, simpleren Zahlen und Zahlenverhältnissen zeigt, wie erstaunlich das ist.

Sobald Kunst äußeren Gesetzen unterliegt, wird es schwierig, weil du möchtest, dass die Kunst, die du machst, auch irgendeine Art von Freiheit und Menschlichkeit transportiert. Das geht schnell verloren, wenn du sagst: „Das sind die richtigen Intervalle, und das ist die entsprechende Tabelle.” Du musst also irgendwo ausgleichen, wenn du an einer Stelle streng bist.

RP 
Du baust ja sehr schöne Instrumente, die auch handwerklich sehr gut gemacht sind. Hast du schon immer gerne mit Holz und anderen Materialien gearbeitet? Wie ist das gekommen?

SR 
Ich glaube, das liegt an meinem charakterlich eingebauten Perfektionismus. Wenn du anfängst, mit Holz zu arbeiten, schaust du anders auf alles, was aus Holz gemacht ist. Ich bin damit aufgewachsen, dass es bei uns am Haus eine Scheune mit einer kleinen Schreinerwerkstatt gab. Ich stand dort herum und habe irgendwie Dinge gemacht. 

Und als ich an der Kunstakademie war, musste ich ein Problem lösen und dafür in die Holzwerkstatt, wo ein sehr netter Schreinermeister war. Er hatte eine besondere Art von Humor und Blick. Wie er Sachen angeguckt und darüber gesprochen hat und wie er geholfen hat. Der hat mir dann gesagt: „Nimm das und das und die Maschine und mach es so und so.” Und dann stand ich mit dem Holz in der Werkstatt und habe es gemacht. Und dann kamen die Kindheitserinnerungen wieder zurück.

Jeder sagt, Holz sei ein schöner Arbeitsstoff. Auch das Tempo, das man mit Holz hat, den Geruch und dass man fast alles aus eigener Kraft machen kann, machen es besonders. Holz hat gewisse Eigenschaften, die auch davon abhängen, wie es gewachsen ist. Je besser du es kennst und respektierst, desto besser gelingt dir die Arbeit damit. Und umso besser verstehst du auch, wie andere es gelöst haben. Natürlich musst du dafür üben.

RP 
Lass uns nochmal zum Anfang zurückgehen. Wir hatten über Instrumente gesprochen, die eigentlich schon die Komposition sind. Ich kenne vor allem die Schiffe, aber vielleicht gibt es auch schon Vorformen davon.

Five Ships. Kollaboration mit Tina Tonagel. Foto: Simon Rummel

SR 
Der Prototyp dafür ist die von mir gebaute Orgel. Sie ist eine unvollkommene Umsetzung der Idee, eine Harmonie zu hören und gleichzeitig ihre Längenproportionen im Raum zu sehen. Dazu wollte ich Orgelpfeifen über einen Teleskopmechanismus vergrößern und verkleinern können. 

In dem alten Saal, in dem die Arbeit gezeigt werden sollte, war eine historische Decke, an der nichts aufgehängt werden durfte. Also musste ich große Ständer dafür bauen. Jetzt sieht man die Längen kaum mehr, weil man nur diese Böcke sieht, die wie kleine Tiere aussehen, und auch die riesige Balganlage, die ich komplett unterschätzt hatte. Die Veränderung dieser Längen wollte ich über eine Zahnradbox synchronisieren. Wenn du das programmierst, ist das simpel, aber wenn du es baust, ist es überhaupt nicht mehr simpel.

Die Schiffe sind eine Weiterentwicklung mit kleinen Motörchen. Das ist eine Zusammenarbeit mit Tina Tonagel. Du hast eine Saite, die durch ein Rad angetrieben wird, wie bei einer Drehleier, und zwei Stege, von denen sich einer bewegt. So erhält man Glissandi. Wie schnell das vor- und zurückgeht, kannst du verstellen, aber der Synchronisationsgedanke ist dann weg, und es ist nicht mehr exakt wiederholbar. 

Es gibt auch all diese Ungenauigkeiten. Bei einer solchen Stegverschiebung liegt die Saite jedes Mal ein wenig anders, das Rad ist nicht perfekt rund, sodass du unterschiedliche Ansprachen von Obertönen erhältst, und so weiter. Du lässt es einfach laufen und erfreust dich an der chaotischen Zusammenwürfelung von Frequenzen.

RP 
Wo ist diese Metapher mit den Schiffen reingekommen? War sie von Anfang an da oder hat sie sich nach und nach entwickelt? 

SR 
Wir hatten anfangs den Arbeitstitel „Erholung an Bord”. Das war Tinas Idee, die mir gut gefiel. Und dann haben wir ziemlich lange darüber nachgedacht, wie sie aussehen sollen. Tina bevorzugt klare, gut lesbare Formen. Wenn du aber jetzt nur Zigarrenschachteln baust, dann hast du irgendwo deutliche Resonanzfrequenzen. Also haben wir eine Seite abgeschrägt, sodass sie für uns ein bisschen wie Schiffe aussehen. Wenn sie im Raum hängen, sieht es ein bisschen so aus, als wäre eine Flotte irgendwohin unterwegs oder als wüssten sie alle gar nicht, wohin sie wollen.

Simon Rummels mikrotonale Harmonika (2025). Foto: Simon Rummel

RP 
Und durch die langsam gleitenden Tonhöhen hat man auch irgendwie das Gefühl, auf See zu sein. Wenn ich an Harry Partch denke, dann ist es natürlich radikal, diesen Weg zu gehen, aber es ist auch eine Wette, sein Werk an solche Instrumente zu hängen. Hast du die Vorstellung, dass Leute in der Zukunft, die auch im Freestyle-Orgelbau aktiv sind, sagen: „Ich baue mir jetzt mein Rummel-Harmonium”, oder sind das Unikate, die eben ihre Zeit haben? 

SR 
Ja, das ist eine super Frage! Ich habe mir darüber noch nie viele Gedanken gemacht. Bei der Orgel ist es zum Beispiel so, dass die Arbeit gut dokumentiert ist. Es gibt auch eine Aufbauanleitung. Natürlich freue ich mich, wenn Leute sie weiterverwenden wollen. Selbst bei Lachenmanns »Mouvement« steht noch, dass man das Klingelspiel bei ihm ausleihen soll. 

Manchmal schreibe ich auch dazu, dass man das Harmonium einfach durch einen Synthesizer ersetzen kann. Hauptsache ist, dass die Töne überhaupt erzeugt werden können.

Aber ja, es ist eine Wette. Manchmal denke ich: „Komm, du musst jetzt auch mal Stücke ohne Spezialinstrumente schreiben.” Wenn ich mir jedoch die zeitgenössische klassische Musik international angucke, hat die Mikrotonalität mittlerweile einen festen Platz. Es gibt eine sehr ruhige, aber dezidierte Szene. Da ist man überrascht, was es schon alles gibt. Das lässt sich auch gut mit den Musikkulturen und Stimmungssystemen der Welt verbinden. Das sind universelle Fragestellungen, zu denen bereits interessante Lösungen gefunden wurden, die wir jetzt erst kennenlernen. Das wird ein interessantes Problem bleiben. 

Simon Rummel (geb. 1978) studierte Klavier und Komposition an der Hochschule für Musik in Köln und Bildende Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. 2012 gründete er das Simon Rummel Ensemble, um seine eigenen Kompositionen und Performance-Werke aufzuführen. Ein zentraler Aspekt seiner künstlerischen Praxis ist die Schaffung experimenteller Instrumentenskulpturen, darunter eine mikrotonale Orgel. Aus dieser Arbeit entstand die CD „Harmonielehre“, die 2011 mit dem Robert-Schuman-Preis der Quattropole Luxembourg ausgezeichnet wurde. Neben seinen eigenständigen Musikprojekten komponiert er auch Musik für Theater und Film.