NOIES MUSIK
SZENE NRW
Zeitung für neue und experimentelle Musik

reise nach eupen: grenzen ohne mauern, musik ohne einwand

Aus Noies 02/25 Juli 2025

Eupen birgt eine diverse und aktive Kulturszene und sorgt auch über Grenzen hinaus für Interesse. Friedemann Dupelius und Roberto Beseler Maxwell erkunden die kleine Stadt in der deutschsprachigen Gemeinde Belgiens. Ein “Geheimtipp”, welcher nicht mehr so geheim ist – ein Gehypetipp vielleicht? Hier ein Versuch der Aufklärung mittels einer Reise durch ostbelgische (Fern)-Länder.
Studio Néau © Meakusma
Aus Noies 02/25

1. Ein Netzwerk für zeitgenössische Kunstinstitutionen in der Euregio Maas-Rhein. Mitglieder sind u.a. Het Nieuwe Domein (Sittard, NL), La Châtaigneraie (Lüttich, BE), das Ludwig Forum Aachen oder der NAK Neuer Aachener Kunstverein.

2. Namentlich »IKOB-Kunstpreis für feministische Kunst«, aktuelle Preisträger:innen sind Marnie Slater, Jieun Lim & Céline Vahsen.

3. Néau ist der veraltete französische Name für Eupen.

4. Weitere Informationen zu den Konzerten finden sich unter www.meakusma.org.

Text: Friedemann Dupelius & Roberto Beseler Maxwell


Grenzen sind ja bekanntlich unsichtbare Linien auf einer Karte. Aber sind sie das wirklich? Einmal hinter der Grenze ist eben nicht gleich vor der Grenze. Auf der vierzig Minuten dauernden Busfahrt zwischen Aachen und Eupen fällt dies auf. Kurz hinter der Grenze kommt die Ansage, ab hier gälte das Deutschlandticket nicht mehr. Mist, damit haben wir nicht gerechnet, heißt: Ab jetzt fahren wir schwarz (alles für den Journalismus!). Es fallen andere Beschilderungen auf, die Architektur ändert sich, die Natur bleibt wohl gleich, oder zumindest auf den ersten Blick ähnlich. Ein starker Düngergeruch durchzieht den Bus. Die belgischen Bauer:innen begrüßen den anfallenden Frühling. Den Duft gab’s auf der deutschen Seite nicht. Düngen belgische Bauer:innen wohl zu anderen Zeitpunkten?

Nach Ankunft am Eupener Busbahnhof machen wir uns auf den Weg zum IKOB Museum für Zeitgenössische Kunst. Beim Schlendern durch die City identifizieren wir Sticker deutscher Fußballmannschaften. Eine kurze Erinnerung, dass wir uns doch nicht weit der Grenze befinden. Mit etwas über 20.000 Einwohner:innen beherbergt Eupen heutzutage das Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinde (DG), dessen Parlament sowie auch seine Regierung und bildet somit das politische Zentrum der DG. Insgesamt sprechen in der DG ca. 80.000 Menschen Deutsch als Muttersprache, was etwa 0,7% der belgischen Bevölkerung ausmacht und eine klare Minderheit bildet.

© IKOB

Das Museum befindet sich in einem ehemaligen Lager einer Firma für Ledermobiliar. Das brutalistische Gebäude teilt das IKOB mit einem Sonnenstudio, einer Polizeiwache und einer physiotherapeutischen Praxis. Ein Unikum auf jeden Fall. Frank-Thorsten Moll leitet das Museum seit 2016. Er kommt selbst aus Süddeutschland. Als Doppelspitze mit der in Brüssel lebenden Brenda Guesnet übernimmt er die kuratorische Arbeit einer Sammlung mit Werken von Künstler:innen der Großregion Benelux und NRW. Sie verstehen die geographische Herkunft der Sammlung als eine Art »geerbte Aufgabe oder Tradition«, als Vermittlung zwischen Belgien und Deutschland. Zugespitzt sieht Moll die sprachversierte deutschsprachige Gemeinde (DG), mit profunden Kenntnissen der französischen und flämischen Sprachen, als Bindeglied zwischen Wallonien und NRW. Deshalb gebe es auch immer im Wechsel belgische und deutsche Kunst zu erfahren, mit kleinen niederländischen oder luxemburgischen Unterbrechungen. Während unseres Besuchs füllte die Ausstellung »Unendliche Bibliothek« des deutschen Künstlers Christian Odzuck die Räume. Darüber hinaus ist das IKOB institutionell innerhalb des Netzwerks Very Contemporary¹ über die Grenzen hinaus verbunden und verleiht seit 2019 einen Preis für feministische Kunst², der genderunabhängig verliehen wird.

Frank-Thorsten Moll © Lee Ranaldo

Nicht nur das IKOB ist am Puls der Zeit, auch die Plattform Meakusma rückt das vermeintlich Provinzielle an Eupen in die Nebensächlichkeit. Im Jahr 2004 während ihrer Studienzeit in Brüssel von fünf Personen aus dem südlichen Teil der DG gegründet, begann das Kollektiv zunächst mit Veranstaltungen und Workshops in der Hauptstadt. Bereits in den Anfangsjahren war es jedoch auch bereits in Ostbelgien aktiv. 2008 wurde das Label als zusätzliches Projekt ins Leben gerufen. Das mittlerweile beliebte Festival in Eupen findet seit 2016 statt. Die Eröffnung des Schlachthofs in 2015 als Kulturzentrum in Eupen befriedigte die Grundbedürfnisse eines solchen Vorhabens.

Meakusma scheut nicht vom Experimentellen zurück und präsentiert seit jeher mutige Konzepte mit sowohl lokalen Acts als auch internationalen, zum Teil renommierten Musiker:innen wie Kali Malone, Ben UFO oder Lucrecia Dalt. Genretechnisch sind die Line-Ups nicht in eine Schublade zu stecken. Von Free Jazz, experimenteller oder improvisierter Musik bis hin zu DJ-Sets ist diverses dabei, ohne einen spezifischen Fokus zu setzen. Vereint werden sie jedoch durch einen progressiven und experimentierfreudigen Geist, der das ganze Festival durchdringt. Auch Legenden wie Charlemagne Palestine, Drums of Chaos, Peter Brötzmann oder Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.) sind auf dem Meakusma aufgetreten.

Das Festival ist Anlass einer jährlichen Massenpilgerung verschiedenster europäischer Aficionados (sowie ein legendärer sibirischer Fan) der experimentellen Musik nach Eupen. Die “Locals” merken, es ist wieder diese Zeit des Jahres, wenn ihre Stadt sich mit “komischen” Menschen füllt. Für manche ist dies eine Wohltat, andere gehen eher auf Distanz. Einen gewissen kulturellen Clash ist aber Mitgründer Michael Kreitz seit der Anfangszeit gewohnt.

© Meakusma

Marie, gebürtige Troisdorferin, stellt mit ihrer Herkunft die Grenzbeziehungen der Region ganz gut dar. Ihr Vater war in Troisdorf beim belgischen Militär stationiert, die Mutter ist im Siegerland aufgewachsen. Der Vater stammt aus Lüttich und wuchs dank seiner flämischen Großeltern zweisprachig auf. Als er jobbedingt zwischen Lüttich und Köln pendeln musste, suchte sich die Familie einen Wohnort in der Mitte – Baelen bei Eupen. Das liegt wiederum bereits in der französischsprachigen Wallonie, obwohl nur fünf Auto-Minuten von Eupen entfernt. Im Dorf waren die Leute, die in Maries Straße lebten, „die Deutschen”. Wallon:innen, die zur Arbeit in die DG pendeln, können dort hingegen für Naserümpfen sorgen, wenn sie kein Deutsch sprechen. Diese Ressentiments würden über die letzten Jahrzehnte aber abflauen, meint Marie. Zugleich hat sich allmählich auch eine eigene ostbelgische Identität etabliert. Als Marker dafür (nach innen wie außen) dienen auch die großen Kulturinstitutionen, die die DG Anfang der 1990er-Jahre etabliert hat: Neben dem IKOB sind das die Tanzcompagnie Irene K in Eupen und das Agora Theater in St. Vith im Südteil der DG. Hier ist Marie Dolders seit 2021 festes Ensemble-Mitglied und arbeitet auch im organisatorischen Bereich. Agora hat als reines Laien-Theater angefangen, sich dann mit der Zeit professionalisiert und international einen Namen gemacht. Marie ist während ihres Kommunikations-Studiums in Aachen über den Alten Schlachthof in Eupen in den Kulturbetrieb gerutscht und dann zu Agora nach St. Vith gestoßen. Die Stadt liegt eine knappe Autostunde südlich von Eupen, näher an Luxemburg als an Aachen, und ist mit nur 10.000 Einwohner:innen die zweitgrößte Gemeinde in der DG. Neben vielen Gastspielen außerhalb ist in den letzten Jahren die Arbeit “nach innen” wichtiger geworden. Gesellschaftlicher Wandel, neoliberale Entwicklungen und die Streichung von Fördermitteln für soziokulturelle Einrichtungen sorgen, wie überall in Europa, auch hier für neue Herausforderungen. Das Agora Theater versucht mit Workshops in Schulen, aber auch mit altersgemischten Laien-Gruppen unterschiedliche soziale Milieus zusammen zu bringen – in der Hoffnung, Vorurteile abzubauen und miteinander ins Gespräch zu kommen, ganz im Sinne der alten griechischen Agora. Eine schöne, aber keine leichte Aufgabe.

Marie wohnt seit rund drei Jahren in Köln und überquert die Landesgrenzen teilweise mehrmals wöchentlich. Und um alles noch ein wenig mehr zu durchrütteln, beginnt für sie bald ein Projekt bei Fithe – Das Figurentheater aus Ostbelgien in Kelmis. Dieser Ort ist nicht nur durch seine Nähe zu den Niederlanden nochmal anders geprägt als Eupen oder St. Vith. 1907 wurde hier  versucht, einen Esperanto-Staat zu etablieren. Hier, das war das Gebiet Neutral-Moresnet, das von 1816 bis 1919 von wechselnden europäischen Mächten verwaltet wurde, aber als neutrales Territorium galt. Das erschien den Fans der konstruierten Universalsprache als geeigneter Nährboden für ihr Experiment – das allerdings mit dem Einmarsch des Deutschen Reichs 1914 scheiterte.

© Zentrale Kunst und Kultur Lontzen

Ein aussichtsreicheres Vorhaben betreiben seit kurzem Tanja Mosblech und Alexander Grablowitz. Das ostbelgische Paar hat einen alten Hof in Lontzen gekauft, eine Viertelstunde nördlich von Eupen. Hier entsteht die »Zentrale Kunst und Kultur Lontzen«. Künstler:innen sollen hier wohnen und »in und mit der Natur« arbeiten können. Bis die Residencies möglich sind, muss noch auf die ein oder andere Formalität seitens des Denkmalschutzes gewartet werden. Wie schon im Sommer 2024 richten Tanja und Alexander bald an drei Juniwochenenden ein Musikprogramm mitsamt Ausstellung aus.

Der Zuspruch beim Auftakt war riesig, Publikum und Medien dies- und jenseits der Grenze schwärmten auf den Hof. Tanja Mosblech als Künstlerin und gelegentliche Meakusma-Coverdesignerin und Alexander Grablowitz als Musiknerd mit riesiger Plattensammlung sind in der DG-Kulturwelt seit vielen Jahren verwurzelt. In ihrem Eupener Haus übernachten regelmäßig Künstler:innen von Meakusma, und die allererste Show ever auf Studio Néau schickte Alexander über den Äther. Selbstverständlich sind auch die Biografien der beiden sprachlich und passtechnisch verworren, und zugleich — oder genau deswegen — fühlen sich die beiden genau richtig in Ostbelgien. Sie bescheinigen Eupen eine mindestens so reichhaltige Kulturszene wie dem zehn mal größeren Aachen und kommen bei der Qualität ins Schwärmen. Allerdings blicken auch sie mit Sorge auf die kritische Betrachtung von Kulturbudgets seit dem letzten Regierungswechsel 2024 und in diskursiv rohen Zeiten. Der Hof in Lontzen steht im Zeichen der Hoffnung: Erbaut wurde er um 1650, kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges, der die Region stark verwüstet hat. Damals setzte er ein positives Signal für den Aufbruch. So soll es auch knapp 400 Jahre später sein.

Tanja Mosblech und Alexander Grablowitz © Zentrale Kunst und Kultur Lontzen

Bei Lütticher Klopsen im Eupener Ratskeller verdauen wir unsere Begegnungen in der so skurrilen wie liebenswerten ostbelgischen Welt. Die ist so viel mehr als »nur« irgendeine Transitzone zwischen dem französischen Part Belgiens und Deutschland. Die DG ist kulturell aufregend und aufgeschlossen und gerade in ihren Uneindeutigkeiten ein eindeutig lohnenswertes Reiseziel.

Roberto Beseler Maxwell ist Kurator, Klarinettist und Kulturmanager aus Spanien. Seit 2018 lebt er in Essen, wo er an der Folkwang Universität der Künste Musikwissenschaft und Klarinette studiert. Friedemann Dupelius arbeitet mit Sound und Sprache. Er erforscht die akustische und mediale Gegenwart in Radiofeature, Essay, Interview, Track, Hörstück, Audio Paper und Libretto.