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»Mit den Händen kannst du nicht sehen.« Diesen Satz hörte ich in meiner Kindheit oft, denn ich wollte überall und jederzeit alles anfassen. Etwa im Einkaufsladen, wo von mir erwartet wurde, die Objekte lediglich brav zu betrachten, während ich sie viel lieber in die Hände nahm, wog, drehte, befühlte, um persönlich ihre haptischen Qualitäten zu überprüfen. Man weiß ja nie.
Ich liebte es – und liebe es bis heute –, mit den Fingerspitzen über verdächtig glitschig aussehende Oberflächen zu fahren, die Höhen und Tiefen einer rauen Wand millimetergenau zu kartografieren oder beim Gehen die Hand am Gartenzaun entlangzuführen. Die kalten Metallzäune der Einfamilienhäuser oder Friedhöfe dankten es mir mit einer pulsierenden, leicht verstimmten Melodie. Wobei dies nicht immer ohne Preis blieb: Manche Zäune wollten Blut sehen und ich verletzte mich leicht an den Fingern. Fair enough. Inzwischen siegt meist die Angst vor schiefen Blicken über diesen kindlichen Impuls. Ganz verschwunden ist er jedoch nie.
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Diese Erfahrungen, die mir früher Ärger einbrachten, verwende ich heute im Rahmen von Recherche und künstlerischer Praxis, indem ich aus ihnen Tools und Methoden generiere. 🤭 So wird vieles berührt und verbunden: nicht nur Instrumente, sondern auch an Saiten befestigte Nylonfäden. Man könnte meinen, dieses eher plumpe Material bringe außer einem ebenso plumpen »plack« nicht viel zustande. Doch diese Fäden sind erstaunlich vielfältig.
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So wurden die Nylonfäden zu einem meiner Arbeitstools, und ich begann, sie in unterschiedlichen Variationen und Kombinationen zu erproben. In meinem Streichquartett sitzen vier Musiker:innen in einem Quadrat, mit dem Blick nach innen gerichtet. Die vier Instrumente sind mit insgesamt vier Nylonfäden miteinander verbunden: Von jedem Instrument führt je ein dünner Nylonfaden zu der linken und rechten Sitznachbar:in. Die Fäden sind je an eine Instrumentensaite geknüpft. Wird an ihnen gezupft, resoniert der Klang sowohl am eigenen als auch am verbundenen Instrument. Die Musiker:innen spielen also nicht nur das eigene Instrument, sondern auch ein kollektives: den Nylonfadenapparat. Bei einem anderen Setting für Gitarrenduo ist der Präparationsapparat etwas einfacher: Die zwei Musiker:innen sitzen sich gegenüber und mehrere Fäden sind zwischen den beiden Instrumenten gespannt. In diesen Nylonfäden-Settings entstehen zahlreiche Klänge von verblüffender Vielseitigkeit. 😍 Halte ich zum Beispiel die Fäden leicht zwischen Daumen und Zeigefinger 👌 und ziehe an ihnen entlang, spüre ich an den Fingerkuppen die feinen Vibrationen des mit Kolophonium klebrig gewordenen Plastiks. Das Resultat ist ein knarzendes, leicht holperndes, tiefes Geräusch – irgendwo zwischen dem Ächzen einer alten Tür und dem Fauchen eines alten Hundes. 🚪
Durch das feine Auflegen einer Fingerspitze auf den Faden und gleichzeitiges Zupfen mit der anderen Hand entstehen Obertöne des Fadens, der zwischen den Instrumenten gespannt ist. Der Klang wird durch die Resonanzkörper der beiden verbundenen Instrumente verstärkt. Basic physics, I know – aber trotzdem bin ich jedes Mal hin und weg. 🤯
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Nun stehen die Fäden nicht für sich allein, sondern werden immer in Verbindung mit mehreren Instrumenten verwendet. Wie beeinflusst es den Klang, wenn die Fäden zwischen unterschiedlichen Resonanzkörpern befestigt werden? Es geht also nicht nur um Taktilität, sondern auch um das soziale Miteinander: Welche Instrumente lassen sich zusammenbinden und verknüpfen – nicht unbedingt bis der Tod sie scheidet, sondern auch für temporäre Situationships?
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Als Matchmakerin achte ich dabei auf Kriterien wie Interessen und Charakter: Resonieren die Instrumente auf derselben Wellenlänge? Harmonieren ihre Stimmungen und (Paar-)Dynamiken? So entstehen Zweierbeziehungen bis Polyküle. Alle mit dem Ziel, eine gemeinsame Sprache zu finden, einander zuzuhören und zu ergänzen, sich Herausforderungen zu stellen, aufeinander einzugehen und gegenseitige Verantwortung zu übernehmen.
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Aline Sarah Müller ist Komponistin und Geigerin. Ihr Interesse gilt vielfältigen Spiel- und Präparationstechniken von Instrumenten sowie sozialen Phänomenen im Zusammenhang mit Musik. Sie studiert Komposition bei Brigitta Muntendorf und erhielt 2025 das Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendium.