
Verena Hahn
Letztes Jahr fand die zehnte und letzte Ausgabe der Night of Surprise statt, diesen Oktober startet ihr ein neues Festival: Three Skies. Ein Neubeginn oder eine Fortsetzung?
Kieran Kaul
Es ist gewissermaßen eine Metamorphose. Das Musikprogramm bleibt weiterhin eklektisch und offen. Gleichzeitig haben wir jetzt mehr Spielorte. Dadurch entsteht eine gewisse Dekompression, weil wir nicht mehr 20 Acts in einen Abend pressen müssen. Das hat einerseits den Reiz der Night of Surprise ausgemacht, hat aber vielleicht teilweise auch zu Reizüberflutung geführt. Jetzt haben wir deutlich weniger Überschneidungen und mehr Raum für besondere Setups. Wir erhoffen uns dadurch mehr Kontemplation, aber auch mehr Ekstase.
VH
Die Kuration, die du gemeinsam mit Thomas Gläßer machst, deckt ein breites Spektrum an Genres, musikalischen Traditionen und Szenen ab. Ergänzt ihr euch in der Zusammenstellung in euren musikalischen Vorlieben, oder habt ihr beide einen genreübergreifenden Blick?
KK
Sowohl als auch. In den Feldern Neue Musik, Jazz und Komposition ist Thomas deutlich bewanderter als ich. Gleichzeitig hat er eine große Neugierde für experimentelle popkulturelle Phänomene bis hin zu Clubmusik, was wiederum Bereiche sind, aus denen ich eher komme. Ich mochte immer schon die Grenzbereiche elektronischer Musik, wo Genres ineinander übergehen oder keine Rolle spielen. Bei mir überwiegt in der Kuration auch das intuitive Wissen. Ich denke häufig in Farben und Formen oder versetze mich in die Zuhörer:innenperspektive. Bei Thomas kommt eine fachliche oder handwerkliche Einordnung dazu. Am Ende geht es natürlich auch darum, was wir bei einer gewissen Zusammenstellung fühlen. Die Night of Surprise war immer ein Ort der musikalischen Grenzbereiche. Und diese Tradition möchten wir auch mit dem neuen Festival fortführen.

VH
Warum, denkst du, lohnt es sich, verschiedene musikalische Kulturen zusammen zu programmieren? Zum Beispiel Neue Musik neben Clubkultur?
KK
Ich glaube, diese Bereiche sprechen unterschiedliche Impulse in einem selbst an. Ich finde diese unterschiedlichen körperlichen Zustände interessant – vom konzentrierten Hörerlebnis eines Neue Musik-Stücks über die Wildheit einer Improvisation bis hin zum ekstatischen Moment einer Clubnacht. Bei der Night of Surprise war es immer toll, zu sehen, wie die Distanz zur Musik schwindet, und der eigene Körper selbst als Resonanzraum erlebbar wird. Das transportiert sich für unterschiedliche Charaktere oder Typen durch unterschiedliche Mittel. Die Heterogenität des Programms überträgt sich auch auf das Publikum. Leute mit einer ganz unterschiedlichen musikalischen Sozialisierung treffen aufeinander und begeistern sich vielleicht auch gegenseitig. Dadurch lösen sich gewisse Hürden auf, zum Beispiel eine bestimmte Vorbildung, die woanders vielleicht vorausgesetzt wird. Bei Three Skies musst du nichts mitbringen außer dich selbst.

VH
Eure Line-Ups zeichnen sich durch viele internationale Acts aus, die man sonst selten in NRW erlebt. Wie seid ihr mit der lokalen Szene in Köln verbunden? Oder seid ihr eher das Raumschiff, das kurz auf Kölner Boden zwischenlandet?
KK
Der Gedanke war immer, lokale Akteur:innen mit internationalen Artists auf Augenhöhe zu präsentieren und teilweise auch zusammenzubringen. Dieses Jahr featuren wir zum Beispiel Lea Bertucci und Norbert Rodenkirchen. Rodenkirchen ist ein Flötist aus Köln, Bertucci eine Künstlerin aus New York. Die beiden werden ihr neues gemeinsames Projekt in einer Acht-Kanal-Aufführung präsentieren. Das ist nur eins von vielen Beispielen. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel improvisatorische Konstellationen mit Fred Frith und lokalen Künstler:innen. Wir versuchen, die Möglichkeit zu geben, Kollaborationen einzugehen oder bestehende Prozesse zu intensivieren, wie jetzt bei Lea Bertucci und Norbert Rodenkirchen, die ihre Zusammenarbeit noch
nie in Köln aufgeführt haben. Nach wie vor ist unser Konzept auch, möglichst viele Erstaufführungen zu haben, zumindest für Köln oder NRW. Der New Yorker Pianist Jon Elbaz wird mit seinem Quartett bei uns seine Deutschlandpremiere spielen. Das ist zum Beispiel ein totaler Favorite, den man entgegen jeglicher Marktlogik bucht, damit diese Musik in Köln erlebbar ist. Auf der anderen Seite haben wir dann auch deutlich bekanntere Acts wie z. B. die DJ, Produzentin und Videokünstlerin Crystallmess aus Paris — eine Kölnpremiere, die auch für die lokale Clubszene interessant ist.
VH
Kannst du uns schon ein paar der Spielorte verraten?
KK
Fest steht weiterhin der Stadtgarten als Ankerpunkt. Einen Clubabend werden wir im Gewölbe machen. Im Vergleich zum JAKI sehen wir im Gewölbe das Entgrenzende etwas stärker: die Anlage, der Raum, die Reflektion, die Laser sind krasser, das macht was. Beim JAKI merke ich wiederum immer mehr, dass das ein guter Konzertort ist. Wir werden auch die Heilig-Kreuz-Kirche in derLindenstraße bespielen und haben noch weitere Orte und Kooperationen im Blick.

VH
Welche musikalische Entdeckung hat dich zuletzt überrascht?
KK
Was mich extrem stark auf verschiedenen Ebenen abgeholt hat, ist die Musik von Benedicte Maurseth die auch bei uns auftreten wird. Sie kommt aus Bergen, spielt die Hardangerfiedel, eine Art Geige mit Resonanzsaiten aus der norwegischen Volksmusik, macht aber auch mit anderen Instrumenten Musik. Neben einem tiefen Verständnis für die Tradition, ihrer Experimentierfreude und dem Handwerklichen, das sie ohne jeden Zweifel beherrscht, hat mich ihre Musik auch auf einer emotionalen Ebene in sehr transzendierende Zustände versetzt.
Zum Interview mit dem Hombroich : Raketenfestival
Three Skies ist ein dreitägiges Festival für experimentelle Musik und Klangpraktiken, das die Night of Surprise ablöst, die 2025 zum letzten Mal und im 11. Jahr stattgefunden hat. Das Festival bewegt sich zwischen Improvisation, Klangkunst, experimentellem Pop und Clubkultur, konzipiert von Thomas Gläßer und Kieran Kaul in Zusammenarbeit mit einem kleinen Team.